Sind die Warnungen vor dem Fachkräftemangel übertrieben?

Eine Ursache für den Fachkräftemangel ist der demographische Wandel in Deutschland - Foto: © geralt - pixabay.com
Eine Ursache für den Fachkräftemangel ist der demographische Wandel in Deutschland - Foto: © geralt - pixabay.com

85 Prozent aller Betriebe rechnen damit, dass sich der Fachkräftemangel negativ auf die Entwicklung ihres Unternehmens auswirken wird. Das ergibt eine Untersuchung der Deutschen Industrie und Handelskammer. Lediglich 15 Prozent der Befragten sagen, dieses Problem hätte für sie keine Auswirkungen.

Sollte sich der Fachkräftemangel tatsächlich als so schwerwiegend herausstellen wie von vielen Branchenverbänden und Arbeitsmarktexperten befürchtet, dann steht bei vielen Unternehmen nach Pandemie, Superinflation und Unterbrechung globaler Lieferketten das nächste massive Problem vor der Tür. Wobei dieses Problem noch am ehesten lösbar ist, sagt Matthias Aumann, der Gründer des Beratungsunternehmens Mission Mittelstand:

„Fakt ist: Es gibt ausreichend qualifiziertes Personal. Es arbeitet meist nur in einem anderen Unternehmen.”

Die Diskussion über den Fachkräftemangel hält seit vielen Jahren an

Die Diskussion über einen Mangel an qualifizierten Fachkräften ist keineswegs neu. Bereits 2015 schrieb Sabine Wolff von der Fachhochschule des Mittelstandes: „Aktuell klagen viele Unternehmen über den Mangeln an fachlicher Kompetenz ihrer Arbeitnehmer oder über eine Vielzahl unbesetzter Stellen. Über die Frage, ob es nun Fachkräftemangel in Deutschland gibt, streiten nicht nur die Wirtschaft und die Wissenschaftler, sondern auch die Politiker“. Unbestritten ist, dass durch die Überalterung der bundesdeutschen Bevölkerung immer weniger Menschen im arbeitsfähigen Alter zur Verfügung stehen werden. DIE ZEIT schreibt: „Zwar stimmt es, dass ein Mangel an Fachleuten bisher nur in wenigen Branchen spürbar ist. Auch der Ingenieursnotstand fällt wohl nicht ganz so dramatisch aus, wie die Lobbyisten oft behauptet haben. Aber Fachkräftemangel – das heißt eben nicht, dass einer Volkswirtschaft ein paar Leute fehlen. Das Problem ist komplexer: Weil mehr Alte in Rente gehen, als Junge auf den Arbeitsmarkt nachrücken, sinkt die Zahl der potenziellen Arbeitnehmer in Deutschland in den kommenden Jahren schneller und schneller“.

Kleinere und mittlere Unternehmen haben viele Handlungsmöglichkeiten

Es gibt bei personellen Engpässen viele Maßnahmen, die ein Unternehmen selbst umsetzen kann. Matthias Aumann von Mission Mittelstand ist überzeugt, dass aktive Unternehmerinnen und Unternehmer gegensteuern können: „Die meisten Unternehmer sind in Wahrheit Selbstständige. Denn ein echter Unternehmer ist Vollzeit mit der Entwicklung seines Unternehmens beschäftigt und nicht mehr selbst auf den Baustellen oder beim Kunden unterwegs. Und genau diesen Weg zum echten Unternehmer müssen Selbstständige gehen. Nur dann haben sie auch ausreichend Zeit, sich um wichtige Aspekte wie die Personalsuche und das einhergehende Marketing zu kümmern”. Aumann, der selbst aus einem kleinen Gartenbaubetrieb einen Wachstumschampion formte, glaubt an das Potenzial der kleinen und mittleren Unternehmen, aber sieht im Bereich Eigenmarketing noch viel Aufholbedarf.

© Matthias Aumann, Mission Mittelstand

Der Kampf um weniger werdende Fachkräfte verursacht mehr Kosten

Nicht nur aufgrund notwendiger Marketingmaßnahmen wird das Neueinstellen von Mitarbeitern zunehmend teurer: Maßnahmen, um sich als attraktiver Arbeitgeber im Wettbewerb um kluge Köpfe zu positionieren, schlagen sich auf der Kostenseite nieder. Dies gilt zum Beispiel mit Blick auf die Möglichkeiten zum mobilen und flexiblen Arbeiten, denn dazu gehört die dafür nötige Ausstattung und unter Umständen eine Veränderung sowie der Gestaltung der Arbeitsprozesse. Dazu kommen Angebote wie zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Weiterbildungsangebote sowie Angebote zur betrieblichen Gesundheitsförderung.

„Beim Wettbewerb um Fachkräfte und Arbeitskräfte müssen Arbeitgeber bedenken, was Arbeitnehmern den Arbeitsplatz attraktiv machen würde“, meint Christina Schildmann, Leiterin der Forschungsförderung bei der Hans Böckler Stiftung. Laut einer Umfrage des Netzwerks LinkedIn würden 40 Prozent eine Kündigung erwägen, wenn ihre Firma ihnen flexibles Arbeiten verwehrt. Allerdings muss sich das Unternehmen keine Sorgen machen, ihre Mitarbeiter gar nicht mehr zu sehen: Immerhin die Hälfte aller Beschäftigten, so eine Umfrage von EY Real Estate, würde einen Mix aus Büro und Zuhause wünschen.

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