Der inneren Kündigung entgegnen

Innere Kündigung: Ein Kündigungsschreiben mit einem Stift.
Der inneren Kündigung entgegnen - Foto: © Gina Sanders - stock.adobe.com

Viele Personalabteilungen stellen sich aktuell die Frage: Wie finden wir neue und halten unsere aktuellen Talente. Diese Frage ist insofern aktuell, da laut einer Gallup-Studie aus 2021 83% der Beschäftigten keine emotionale Bindung mehr zum Unternehmen haben. Eine der Ursachen für diese emotionale Entfremdung findet Kommunikationsexperte Jürgen Eisserer in der Kommunikation auf Führungsebene. „Wenn große Worte aus Chefetagen sich als hohle Phrasen entpuppen, stoßen wir immer wieder auf das Phänomen „Double bind“. Etwas, das Influencern nicht passiert.

Der US-Sozialwissenschaftler Gregory Bateson prägte diesen Begriff in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Die Doppelbindungstheorie, wie sie auf Deutsch bezeichnet wird, beschreibt zwei Botschaften, die sich widersprechen und damit bei Mitarbeitern für Unsicherheit, Verwirrung und Missverständnisse sorgen.

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Verwirrung stiften

In einem Vertriebs-Seminar eines Gastronomie-Zulieferers zu Beginn des Jahres erlebte Eisserer die Ansprache des Vorstands: „Wir stellen die Wünsche unseres Kunden in den Vordergrund! Wir stellen alles andere hinten an, solange unser Kunde nicht 100% zufrieden ist.“ Das Unternehmen war gut aufgestellt und erlebte durch Innovationen einen Boom, der diese Ansprache wirklich glaubwürdig machte.

Im Herbst des selben Jahres fand das Folgeseminar statt. Wieder hielt der Vorstand eine Rede: „Kollegen, dieses Jahr war ok, aber wir sind noch nicht da, wo wir hinwollen. Das Lager ist noch randvoll, also haut raus das Zeug!“ Im Kopf eines Vertriebsmitarbeiters entsteht nun ein Widerspruch:

„Kundenorientiert in guten Zeiten – umsatzorientiert in schlechten Zeiten!“

Konsistente, also wertebasierte Kommunikation und ein offenes Miteinander sind allerdings entscheidende Faktoren: 93% der Befragten würden ihren Job nicht wechseln, wenn ihre Vorgesetzten einfühlsamer wären* (Quelle: Gallup 2021). Was wie ein weiteres Herabsetzen engagierter Führungskräfte klingt, ist nur die Feststellung einer Tatsache, wie wichtig, aber auch wie vernachlässigt die Basis gelungener Zusammenarbeit wurde: Die Fähigkeit „gute konsistente Kommunikation“ zu betreiben wird existenziell.

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Kommunikation ist mehr als Informationsübertragung

Kein Wunder, die Anforderungen der heutigen Zeit sind vielfältig und anspruchsvoller zugleich geworden. Agiles Führen, Remote Work, veränderte Generationsdebatten, der unendliche Spagat zwischen Leistungskultur und Zuckerwatte-Welt. Eine der Ursachen aus der Führungskommunikation? Wir verwechseln leider allzu oft „etwas kommunizieren“ mit „miteinander reden“

Nur ein Dialog schafft Klarheit

Wirkliches „Vermitteln“ schafft nur ein direkter Dialog. Denn nur in einem Gespräch können wir in die Lebensrealitäten unserer Mitarbeiter eintauchen. Sie wollen keine Prozesse mehr vorgesetzt bekommen oder ein Projekt ausgerollt erhalten. Die Sprache macht es hier sehr deutlich, woran es vielerorts mangelt.

Menschen behalten sich vor allem die Dinge, zu denen sie einen Beitrag leisten konnten. Das schärft die emotionale Bindung und beugt widersprüchliche Botschaften vor. Das allerdings braucht auch wieder ein neues Verständnis von Kommunikation. Und dieses Verständnis beginnt in Unternehmen mit drei Worten:

  • Was von Herzen kommt, erreicht die Herzen und erzeugt Vertrauen
  • Wird das Hirn angesprochen, so folgen Ihre Botschaften einer Logik, also einem Kontext der nachvollziehbar ist, und die auch jeder Mitarbeiter verstehen kann
  • Und gelungene Kommunikation braucht Haltung, um dadurch Mitarbeitern Halt zu geben. Ihre Einstellung zu bestimmten Themen des Unternehmens oder der Führung prinzipiell sind die unbewussten Orientierungspfeiler für deine Mitarbeiter.

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Was Sie von Influencern lernen können

Halt durch Haltung braucht die Gesellschaft heute mehr denn je. Menschen, die als reale Vorbilder dienen sind die Orientierungspunkte für emotionale Bindung in Organisationen. Doch in Zeiten der Digitalisierung folgen wir lieber „Influencern“ als echten Persönlichkeiten. Die Bedürftigkeit nach Sicherheit durch Menschen, die ihrer Haltung folgen, ist so groß wie nie. Influencer haben in diesem Fall vielen Menschen etwas voraus.

Sie stehen für etwas. Eindeutig, unmissverständlich, klar und nachvollziehbar. Oft auch polarisierend. Letzteres ist kein Muss, lässt aber die emotionale Bindung stärker werden zu denen, die Ihnen trotzdem noch folgen. Außerdem lassen sie ihrer Community immer die Möglichkeit mitzureden. Also einen Teil zu ihrer Botschaft beizutragen, was wiederum für stärkere emotionale Bindung sorgt.

Vom Mitarbeiter zum Fan ist es für viele eine lange Reise. Doch diese Reise beginnt bei klaren, prägnanten Aussagen, die auch eingehalten und mit jeder Handlung bestätigt werden. Bei Influencern ist unser Herz, weil sie aus dem Herzen handeln und sprechen. Auch wenn die Geschäftspraktiken mancher fragwürdig erscheint, so kann die Führungsebene von der Kommunikations-Strategie guter Influencer einiges lernen.

Jürgen Eisserer
Jürgen Eisserer ist Autor, Kommunikationsexperte und 2021 ausgezeichnet zum Trainer des Jahres. Er studiert Wirtschaftspsychologie mit Schwerpunkt Flowforschung in Gesprächen. Als Gründer seiner Communication-Academy begleitet er Profisportler, CEOs und namhafte Unternehmen in der kommunikativen Entwicklung und gibt Impulse zum Lernen der Zukunft in Vertriebsorganisationen. Und als Keynote Speaker liefert er in seinen Vorträgen neue Perspektiven für mehr Mut und Kreativität in der Kommunikation.

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