Burnout in der Selbstständigkeit: Hast du dich heute schon verheizt?

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Wenn du selbständig bist, kennst du garantiert diesen Gag: „Ich arbeite selbstständig – selbst und ständig, haha.“ Und vielleicht bleibt dir dabei das Lachen im Halse stecken – weil es einerseits ein ziemlich müder Witz ist, andererseits aber möglicherweise zu nah dran an deinem Arbeitsalltag.

Denn ernsthaft: Wenn du ständig arbeitest, betreibst du Raubbau mit der größten Ressource, über die du beruflich verfügst: Deiner Arbeitskraft nämlich. Kannst du dir leisten, deine Leistungskapazität oder langfristig sogar körperliche und geistige Gesundheit aufs Spiel zu setzen? Von der Lebensqualität mal ganz zu schweigen! Wenn du dich selbst verheizt, bist du der Bauer, der die Kuh schlachtet und sich dann wundert, dass sie keine Milch mehr gibt. Dann ist dir schlicht nicht mehr zu helfen.

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Glaubenssatz oder Erfahrungswert?

Das heißt … es wäre dir zu helfen. Aber du müsstest schon selbst dafür sorgen.
Jetzt denkst du vielleicht:

Ich baue gerade etwas auf und kann mir schlicht nicht leisten, eine ruhige Kugel zu schieben. Wenn ich den Auftrag jetzt nicht annehme, fragen sie nächstes Mal nicht mehr bei mir an.

Zunächst einmal: Ist das ein Glaubenssatz, den du irgendwo aufgeschnappt hast, oder ein eigener Erfahrungswert, der sich für dich bestätigt hat? Falls Ersteres, dann geh jetzt gerne zur nächsten Toilette und spül ihn runter, denn er hat in deinem Selbständigendasein nichts verloren.

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Wo kämen wir hin, wenn wir auf Erfahrungen aus zweiter, gar dritter Hand hören würden? Eben: nicht weit, nicht einmal bis zum Ende der Straße. All die Glaubenssätze, die uns jahrelang daran hindern, in die Selbständigkeit zu gehen oder einen Traum zu verfolgen, erweisen sich beim Praxistext in der Regel als echter Müll.

Und wenn es ein eigener Erfahrungswert ist, dann hinterfrage ihn trotzdem! Wenn du dich in deiner Branche durchsetzen kannst, dann nicht wegen deiner ständigen Verfügbarkeit – sondern wegen echter Kompetenz, Zuverlässigkeit und gleichbleibend solider Leistung.

Sei deshalb nicht das Mauerblümchen, das nur deshalb gefragt wird, weil es eh nie nein sagen wird. Sei die Diva, die erst einmal nachschauen muss, ob sie Kapazitäten frei hat. Und die dann, wenn sie zusagt, auch mit voller Leistung überzeugt. Das kann sie, weil sie sich eben nicht durch permanente Verfügbarkeit und Arbeitsbereitschaft aufgearbeitet hat.

Die Grundlagen deiner beruflichen Existenz

Wenn du in einem Festangestelltenverhältnis krank wirst, ist das bedauerlich, aber nicht existentiell bedrohlich. Du hast Kollegen, die das auffangen können, und erhältst Krankengeld. Für Freiberufler sieht das dagegen ganz anders aus. Du kannst es dir nicht leisten, einen Auftrag abzulehnen? Wie wäre es stattdessen mit:

Du kannst es dir nicht leisten, krank zu werden, indem du dich selbst ausbeutest.

Wenn es hart auf hart kommt, dann besorg dir lieber einen festen Nebenerwerb in einem anderen Bereich, der die laufenden Kosten abdeckt, bevor du dir in deiner Branche jeden Auftrag an die Backe kleben lässt. Wenn nämlich erst einmal Schicht im Schacht ist, hilft auch keine koffeinhaltige Brause mit dem Geschmack verwesender Gummibärchen, um dich wieder zu beflügeln.

Und wenn es wirklich massiv kommt, dann überlege glasklar und knallhart, ob dein Business-Modell wirklich mehr als ein, zwei Jahre Bestand hat. Denn viel länger wirst du eine permanente Überforderung nicht wegstecken können, ohne Schaden zu nehmen. Vielleicht gibt es Schrauben, an denen du drehen kannst, indem du delegierst? Vielleicht wären Geschäftspartnerschaften sinnvoll?

Und vielleicht … wäre es sogar nicht ganz ausgeschlossen, dass ein Wurm in deinem Businessplan ist. Der kann und darf einfach nicht darauf basieren, dass du regelmäßig an fünf Tagen die Woche zwölf Stunden lang ranklotzt – und am Wochenende jeweils nur zehn. Falls es sich in diese Richtung bewegt, landest du früher oder später im Burnout.

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Kennst du deine Bedürfnisse?

Wenn du kompetent für dich sorgen willst, musst du lernen, zu akzeptieren, dass es Aufgaben und Aufträge gibt, mit denen du manchmal überfordert bist, oder Zeiten, in denen dir einfach die Puste ausgeht. Du musst lernen, jederzeit genaue Inventur deiner Kapazitäten zu erstellen:

  • Kannst du das noch stemmen, oder ist es die eine Last, die dir das Kreuz brechen wird?
  • Bringt dir diese Arbeit tatsächlich mehr Energie, als sie dich kostet – sei es in Form von Bezahlung, nützlichen Kontakten, Werbewirkung, Lerneffekt oder Erfolgserlebnis, was auch immer dir wichtig ist?

Lerne, abzuwägen, wo sich Input und Outcome die Waage halten. Und wo nicht, gewöhne dir ein klares „Nein danke“ an.

Es gibt auch im Selbständigendasein durchaus Bereiche, wo wir mit unserer Energie haushalten oder aber auf andere Prioritäten setzen können. Du musst nicht jedem Lead folgen, nicht jeden einzelnen Kontakt individuell pflegen. Du kannst auch mal ohne schlechtes Gewissen einen Abend daheim auf dem Sofa bleiben und Serien bingen, statt auf das Networking-Event zu gehen oder deinen Blog zu bespielen.

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Und wenn du merkst, dass dir die Auszeit tatsächlich etwas bringt, dass du dich danach fitter, gelassener, befreiter fühlst – dann überlege, ob du nicht generell einen Gang runterschalten könntest: nur dreimal statt viermal im Monat bloggen, nur auf jede zweite Netzwerkparty und nur an so vielen Workshops teilnehmen, wie du tatsächlich hier und jetzt, ganz real, bewältigen kannst.

Höre auf dich und nimm einen Abfall deines Energielevels ernst. Eine Stunde konzentrierte Arbeit in Bestform ersetzt drei Stunden unmotivierte Pflichtübung, wenn die Luft raus ist.

Langfristig denken und gesund bleiben

Jeden Auftrag anzunehmen ist eine Milchmädchenrechnung, die keinen echten Bestand hat, wenn du wirklich langfristig selbständig arbeiten möchtest. Der Erhalt deiner körperlichen und geistigen Gesundheit (die Nerven!) sollte höchste Priorität haben. Wenn dein Businessplan nicht aufgeht, wenn du an sieben Tagen die Woche mehr als zehn Stunden arbeitest, ist das ein Rezept für einen astreinen Burnout.

Lerne deine Bedürfnisse kennen, damit du die meiste Energie auch wirklich in die Sachen steckst, die dir aktuell am meisten bringen. Wäge aufrichtig gegeneinander ab, was du einbringst und was du im Austausch erhältst – und gleich aus, wenn ein Ungleichgewicht besteht.

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