Bewerbungsgespräche trotz Krise: Ist das überhaupt sinnvoll?

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Bewerbungsgespräche trotz Krise: Ist das überhaupt sinnvoll?
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Selbst in der Krise erhalten Firmen Bewerbungen. Aber wie reagierst du als Unternehmer aktuell am Besten darauf? Gerade jetzt darfst du die lange aufgeschobene Digitalisierung von Prozessen nicht überstürzen. Videocalls funktionieren bei allen technischen Einschränkungen sehr gut für Bewerbungsgespräche. Das Bauchgefühl aus dem persönlichen Kontakt mit einem Bewerber ist aber nur schwer zu ersetzen. 

Fachkräfte sind gerade jetzt wichtiger als vor der Krise

Es gibt Branchen, die auch in der Krise Fachkräfte einstellen. Das sind nicht nur Erntehelfer und Supermarkt-Mitarbeiter – auch viele IT-Unternehmen suchen händeringend nach Angestellten. Deren Kunden wird erst jetzt bewusst, wie mächtig die Digitalisierung ist und welche Vorteile sie dadurch erhalten. Die Auftragsbücher der Software-Firmen und qualifizierter Dienstleister füllen sich rasant. Vielerorts fehlen die Fachkräfte und so ergeben sich aktuell viele Jobchancen für Talente. Aber wie läuft ein Bewerbungsgespräch in Zeiten des Kontaktverbots?

Halte die technische Einstiegshürde so gering wie möglich

Um niemanden vom Bewerbungsprozess auszuschließen ist es sinnvoll, gängige Technologien zu verwenden.

Skype oder Zoom sind inzwischen weit verbreitet. Dadurch erleichterst du dem Bewerber den Kontakt und nimmst ihm die Aufregung. Bewerbungen sind für viele Kandidaten ohnehin schon sehr aufregend. Vermeide also technische Probleme und biete sogar verschiedene Tools an, je nachdem in welchem sich die Bewerberinnen und Bewerber am wohlsten fühlen.

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Funktioniert das Bauchgefühl auch beim Videocall mit dem Bewerber?

Es spricht nichts gegen Kennenlerngespräche per Video oder Telefon. Das hast du bestimmt schon oft gemacht, um einen Bewerber unverbindlich kennenzulernen. Bisher war der nächste Schritt dann die Einladung zum persönlichen Gespräch. Denn mal ehrlich:

Digitale Gespräche ersetzen den direkten Kontakt nicht.

Wie ist der Händedruck bei der Begrüßung? Wie wirkt der Bewerber live? Es heißt nicht umsonst, dass man sein Gegenüber „nicht riechen“ kann. Neben den beruflichen Qualifikationen geht es immer auch darum, ob ein Bewerber menschlich in das bestehende Team passt. Die digitalen Techniken verzerren dabei den ersten Eindruck und können sich negativ auf deine Entscheidungsfähigkeit auswirken. Das viel beschriebene Bauchgefühl fällt weg und ist nicht zu ersetzen. 

Nutze alle Sinne und stelle andere Fragen im digitalen Bewerbungsgespräch

Erfahrene Personalverantwortliche können Bewerber anhand unterbewusster Reaktionen schnell einschätzen. Gerade in Videocalls fällt diese Information komplett weg. Schlechte Verbindung, verpixelte Bilder und Gesprächsabbrüche machen die Routine schnell zunichte. Auf einmal ist das Bild weg, die geteilte Präsentation bricht ab und du hörst dein Gegenüber nur noch. Jetzt gilt es, andere Fragen zu stellen und alle Sinne zu nutzen, um den Bewerber wirklich kennenzulernen. 

Verzichte auf Themen wie „Wo sehen Sie Ihre Schwächen?“ Oder willst du wirklich hören, dass jeder zweite Bewerber nach eigenen Angaben „leider ein Perfektionist“ sei? Nutze das Gespräch lieber, um Fragen mit einem konkreten Bezug zum ausgeschriebenen Job zu stellen. Zum Beispiel kannst du so erfragen, wie ein Bewerber in einer konkreten Situation aus dem Arbeitsalltag reagieren würde. So fällt dir die Einschätzung des Charakters und seiner beruflichen Qualifikationen leichter.

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Bewerbungsexperten raten außerdem dazu, dass du dir für jedes Gespräch ein definiertes Set an Fragen vorbereitest: Vor den Gesprächen definierst du für dich ein Bewertungssystem, um die Reaktionen vergleichbar zu machen. Diese Fragen stellst du in der gleichen Reihenfolge an alle Bewerber – so bekommst du wichtige Routine und deine Gesprächspartner eine faire Chance.

Bereite dich auf unangenehme Fragen der Bewerber vor

Sei dir bewusst, dass Bewerber ab sofort auch andere Fragen stellen werden: Es geht jetzt um Sicherheit und Verlässlichkeit.

Bereite dich auch auf Fragen vor, die sich um dein unternehmerisches Engagement in der Krise drehen: Wie gehst du mit den Sorgen der Mitarbeiter um? Ab wann war Homeoffice möglich? Welche Maßnahmen hast du neu eingeführt, um Vertrauen in deinem Team zu fördern?

Tools für Team-Matching als wertvolle Ergänzung zum Videocall

Bei allen Kommunikationstools und zusätzlichen Fragen wirst du trotzdem kein allumfassendes Bild vom Bewerber erhalten. Eine sinnvolle Ergänzung zu den Interviews im Recruiting sind digitale Tools zu Team-Matching und Team-Reflexion. Auf Basis digitaler Fragesets werden Bewerber und Mitarbeiter im Vorfeld erfasst, analysiert und zu deinem Team gematcht (Team Design). Nach dem ersten Screening bist du bestens vorbereitet für das Bewerbungsgespräch per Video.

Basierend auf wissenschaftlichen und psychologischen Kriterien, maschinellem Lernen und Deep-Learning-Methoden unterstützen Algorithmen dein Bauchgefühl mit Daten. Durch die Summe aller Daten kann Team Design dir genau sagen, ob ein Bewerber in dein bestehendes Team passt und ob es sich lohnt, mehr Zeit zu investieren.

Ganz wichtig: Jetzt nichts überstürzen!

Gerade jetzt solltest du einen kühlen Kopf bewahren. Wenn du vor der Krise noch keinen digitalisierten Bewerbungsprozess hattest, dann gab es Gründe dafür. Bitte überstürze jetzt keine Entscheidungen, die du nur schwer rückgängig machen kannst.  Halte deine notwendigen Prozesse am Laufen und überlege, ob sie schon bereit sind für die Digitalisierung. Es heißt nicht umsonst:

„Wenn man einen schlechten Prozess digitalisiert, ist es eben nur ein schlechter digitaler Prozess!“

„Remote Recruiting bietet viele Chancen, dennoch beobachten wir die überhasteten Digitalisierungsversuche einiger Recruiter kritisch. Denn fehlende Erfahrung mit den Tools und ihren Effekten auf die eigene Wahrnehmung sowie Ihre Aussenwirkung auf Kandidaten kann erhebliche Verschiebungen bei Personalentscheidungen und der Conversion Rate verursachen“, meint auch Georg Bauer, Geschäftsführer der Hanseatischen Gesellschaft für Bewerberdatenschutz. „Zudem ist die Quarantäne-Situation mit Schul- und Kindergarten-Schließungen, bei denen oft mehrere Haushaltsmitglieder zeitgleich von improvisierten Arbeitsplätzen aus arbeiten, nicht mit dem sonst üblichen Homeoffice-Szenario bei Recruitern aber auch Bewerbern vergleichbar.“

Wenn du trotz allem genau jetzt etwas ändern willst, musst du das Rad nicht neu erfinden. Es gibt unterschiedliche Anbieter, die sich schon lange mit der Digitalisierung im Bewerbungsprozess beschäftigen. Analysiere deinen aktuellen Bewerbungsprozess und sprich mit deinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, welche Verbesserungsmöglichkeiten sie sehen. Setze den Fokus auf dein Team, das fachlich wie auch zwischenmenschlich passen muss.

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Alexandra Alex
Alexandra Alex ist Gründerin und Geschäftsführerin der MatchManao GmbH. Ihre Vision ist es, ein besseres Verständnis und Bewusstsein für eine wertschätzende Zusammenarbeit zu schaffen. Denn nur wenn Teams zwischenmenschlich zusammenpassen und sich ergänzen, arbeiten Mitarbeiter an ihrem eigenen Sweet Spot und können noch bessere Ergebnisse erzielen.

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