Dauerthema Fachkräftemangel: Was steckt wirklich dahinter?

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Fachkräftemangel in Deutschland: Was steckt wirklich dahinter?

Fachkräftemangel in Deutschland: Was steckt wirklich dahinter?

Betrachtet man den deutschen Arbeitsmarkt, begegnen einem viele Fragestellungen:

Zeit einmal aufzuräumen und zu klären, wie Unternehmenswachstum trotz Fachkräftemangel und den Folgen der Digitalisierung, mit den vorhandenen Ressourcen sowie der entsprechenden Führungsstrategie erreicht werden kann. Management-Beraterin Miriam Engel geht der Sache auf den Grund:

„Ich bin überzeugt, dass wir unternehmerisches Wachstum in Zeiten von Mitarbeitermangel erreichen, indem wir uns in Führungsstrategien intelligent bewegen – in Richtung Loyalität.“

Miriam Engel

Aktuelle Lage auf dem Arbeitsmarkt

Ende 2018 meldete die Bundesagentur für Arbeit folgende Zahlen:

Allerdings kommen dazu noch hunderttausende Menschen, die möglicherweise gerade krank gemeldet sind, sich nicht als arbeitslos eingetragen haben oder trotz guter Ausbildung nicht arbeiten wollen, weil sich daraus beispielsweise finanzielle Nachteile aufgrund des Ehegattensplittings ergeben. Ebenfalls hinzu kommt die Zahl derjenigen,

  • die in Frührente geschickt wurden,
  • Maßnahmen der Jobcenter absolvieren
  • oder derzeit Integrationskurse abschließen, um dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stehen.

1,5 Millionen offene Stellen in Deutschland

Insgesamt 781.000 offene Stellen waren der Bundesagentur für Arbeit Ende 2018 gemeldet worden. Aus früheren Statistiken geht allerdings hervor, dass den Arbeitsagenturen nur etwa 50 Prozent aller Jobangebote überhaupt gemeldet werden. Daher kann man eher von einer Zahl von ca. 1,5 Millionen offenen Stellen innerhalb Deutschlands ausgehen.

Weitere 1,4 Millionen Menschen würden dagegen lieber weniger arbeiten und sehen sich als überbeschäftigt.

Fehlende Loyalität der Generation Y

Besonders junge und gut ausgebildete Arbeitnehmer sind im Vergleich zu vorherigen Generationen immer weniger loyal gegenüber ihrem Arbeitgeber. Hagelt es ständiges Gemecker vom Chef und ist konstruktive Kritik ein Fremdwort im Unternehmen, zieht die Generation Y oft sehr schnell die Reißleine. Sie kennen ihren Marktwert ganz genau, hinterfragen und kritisieren häufiger.

Arbeitnehmer sind heutzutage schneller weg als früher.

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Als Grund für den Wandel gilt die Digitalisierung

Auf der einen Seite sind Informationen zu neuen Jobangeboten viel leichter und schneller zugänglich geworden, gleichzeitig besitzen die Digital Natives gute Qualifikationen und sind im Gegensatz zur Generation der Babyboomer ganz einfach zahlenmäßig unterlegen. Das macht sie für Firmen besonders wertvoll.

Das Leben wird flexibler, die Arbeit muss nachziehen

Arbeit ist nach dem heutigen Verständnis  “nur noch ein Teil des Lebens“ und nicht der ausschlaggebende Faktor, über den man sich persönlich definiert. Viel mehr geht es darum, ein glückliches und ausgeglichenes Leben zu führen, in dem sich die Arbeit dem Privaten anpasst. Wenn man beispielsweise ein Kind erwartet, ein Umzug bevorsteht oder man sich einem bestimmten Projekt widmen möchte, sollte der Arbeitgeber flexibel genug sein.

Für viele Arbeitnehmer ist heute die Zahl der Urlaubstage entscheidender als das Gehalt.

Unternehmen können nur dann engagierte Bewerber für sich gewinnen, wenn sie sich an deren Bedürfnissen orientieren. Neben der guten Organisation des Bewerbungsprozesses, zählt gleichzeitig auch der authentische und empathische Auftritts des Unternehmens.

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Wie steht es wirklich um den Fachkräftemangel?

Ist vom Thema Fachkräftemangel die Rede, zeigt sich das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit eher zurückhaltend:

„Es kommen immer noch zwei Arbeitslose auf eine offene Stelle. Man kann also nicht sagen, dass es einen generellen Engpass gibt.“

Durchschnittlich gesehen stehe allerdings genügend Personal zur Verfügung. Dennoch wird die Mitarbeitersuche für Unternehmen zunehmend schwieriger: Stellen werden heutzutage im Schnitt ungefähr 27 Tage später besetzt, als ursprünglich gewünscht. In vielen Branchen sitzen deshalb die Angestellten am längerem Hebel.

Auch die Arbeitsagentur betont,  die Lage sei in einigen Regionen und Branchen maximal angespannt.

Von einem generellen Fachkräftemangel könne in Deutschland dennoch „weiterhin nicht gesprochen werden“.

Fehlende Offenheit & ungenutze Potenziale

Die Voraussetzung: Unternehmen müssen sich in Zukunft allen Potenzialen gegenüber offen zeigen. Eine kürzlich veröffentlichte Studie der Boston Consulting Group (BCG) zeigt leider ein eher anderes Bild. Bei der Frage, ob sich beispielsweise homosexuelle oder transgeschlechtliche Menschen trauen, sich am Arbeitsplatz zu outen, liegt Deutschland im 20-Länder-Vergleich mit nur 37 Prozent ganz deutlich hinten. Der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) bestätigt die Situation:

„Für viele Lesben, Schwule, Bisexuelle und vor allem auch transgeschlechtlichen Menschen ist es immer noch schwierig, sich im Job zu outen, weil sie Diskriminierung und den Karriereknick befürchten müssen.“

Besonders unter Berufsanfängern und jüngeren Berufstätigen ist diese Angst sehr ausgeprägt. Sollten Firmen diese Themen nicht angehen, bleiben viele Talente unbeachtet, da sie sich gar nicht erst bewerben:

Wir sehen: Es gibt noch viele Menschen in Deutschland, die Arbeit suchen.

Fazit: Wandel der Unternehmenskultur

Management-Beraterin Miriam Engel zufolge, wird die aktuelle Situation eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe für das nächste Jahrzehnt sein.

„Unternehmen sollten ihre Anforderungen etwas herunterschrauben und da flexibler werden, wo es der Gesamtsituation – dem Arbeitgeber und dem Arbeitnehmer – dient.“

Miriam Engel

Mit Zielen wie loyaler Führung, nachhaltiger Mitarbeiterbindung und zunehmender Arbeitgeberattraktivität wird es möglich sein, die Unternehmenskultur neu zu gestalten.

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