„Das anständige Unternehmen“: Was richtige Führung weglässt [Rezension]

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"Das anständige Unternehmen": Was richtige Führung weglässt [Rezension]Mehr Authentizität, mehr Transparenz, mehr Identifikationspotenzial: Die Liste positiv besetzter Forderungen, die von Unternehmen heute in allen Bereichen eingeklagt und zum Leitbild einer erfolgreichen Führung verschmolzen werden, ließe sich noch weiter fortsetzen. Feedbackrunden, Mitarbeiterbefragungen und Rankings stehen in vielen Firmen mittlerweile ebenso auf dem Tagesplan wie ausufernde Meetings, die ihren eigentlichen Zweck längst verfehlt haben.

Vieles von dem, was heutzutage als „moderne Führung“ verstanden wird, will Reinhard K. Sprenger in seinem Buch „Das anständige Unternehmen“ als „tyrannische Zudringlichkeit“ entlarvt sehen – namentlich die übermäßigen Bemühungen um Nähe zu den Angestellten. Von einem neuem Machttypus spricht er gar, von einer Distanzlosigkeit der Unternehmen, die Arbeitnehmern jegliche Luft zur Kreativität und Entfaltung raubt. Doch das eigentlich Perfide daran, so sagt Sprenger: Sie erscheint im Gewand der Fürsorge und des Wohlmeinens.

Inhalt: Anstand durch Abstand

„Wir leben in wirtschaftsethisch abschüssigen Zeiten.“

Wo doch Prinzipien wie Gleichberechtigung und Nachhaltigkeit in vielen Unternehmen inzwischen groß geschrieben werden, mutet Sprengers Einstieg in das 384 Seiten lange Buch durchaus provokant an. Eine Streitschrift? Anders lässt sich das Werk wohl kaum bezeichnen bzw. lesen, denn genau diesen Effekt erhofft sich der Autor laut eigener Aussage von den kritischen Zeilen, die wohl alles angreifen, wofür der unternehmerische Zeitgeist steht. Springers programmatische Forderung auf den Punkt gebracht, lautet:

„Sei menschlich, nimm Abstand!“

Es geht dem Autor also um eine neue Moral in Unternehmen, die er am Begriff des „Anstands“ ausarbeiten und für die Praxis tauglich machen will. Anhand von fünf Prinzipien konkretisiert er seine Vorstellung von Anstand und erläutert, was anständige von nicht-anständigen Unternehmen unterscheidet:

  1. Betrachte Mitarbeiter nicht als bloße Mittel
  2. Behandle Mitarbeiter nicht wie Kinder
  3. Versuche nicht, Menschen zu verbessern
  4. Verletze nicht die Autonomie der Mitarbeiter
  5. Bezeichne nichts als alternativlos

EXTRA: Mitarbeiterführung: Fehler, die dir nicht unterlaufen sollten

Anständige Unternehmen zeichnen sich ihm zufolge durch eine „Ökonomie der Zurückhaltung“ aus. Für das Management bedeutet das konkret: Wer unternehmerische Potenziale wieder freisetzen will, muss vieles von dem, was heute als erstrebenswert und fortschrittlich gilt, wieder sein lassen. Eine „Produktion durch Negation“, so die Meinung des Autors, ganz nach dem Motto:

„Bewegung braucht Raum.“

Aufbau: 7 Prinzipien des Anstands

Das Buch ist in drei große Hauptteile untergliedert. Nach einer ausführlichen Einleitung zur gesamtgesellschaftlichen Lage unternimmt der Autor im ersten Teil einen sehr theorielastigen Exkurs zu den grundlegenden Fragen:

  • Was ist Ethik?
  • Was ist Anstand?

Im zweiten Teil, der den mit Abstand größten Platz im Buch einnimmt, stellt Sprenger dann seine fünf Prinzipien vor, die er anhand mehrerer Beispiele aus der Praxis erläutert. Dabei gelingt ihm der Spagat zwischen theoretischer Tiefe des Themas und anwendungstauglichen Empfehlungen für das Management und die Arbeitsplätze von heute.

Der dritte Teil fasst die ausgearbeiteten Prinzipien und Sprengers Verständnis von Anstand noch einmal zusammen. Wichtig ist dem Autor dabei insbesondere die Betonung, dass Menschen auch und vor allem von ihrem Arbeitsumfeld geprägt werden, womit er seinen Appell an die gesamtgesellschaftliche Verantwortung der Unternehmen legitimiert.

EXTRA: Führung zum Fürchten: Negative Führungspersönlichkeiten

Abgerundet wird das Buch von einem Nachwort, in dem Sprenger noch einmal Lanze dafür bricht, dass auch „Negative Ethik“ – will heißen: der bewusste Verzicht auf etwas – positive Kräfte entfalten und neue „Sphären des Möglichen“ schaffen kann. Für interessierte Leser, die tiefer in die Materie einsteigen möchten, wartet auf den letzten Seiten noch ein umfangreiches Verzeichnis mit weiterführender Literatur.

Preis & Information

Das anständige Unternehmen: Was richtige Führung ausmacht – und was sie weglässt

Gebundene Ausgabe: 384 Seiten
Verlag: 3. Auflage, 28. September 2015
Preis: 26,99 €

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Über den Autor

Reinhard K. Sprenger, geboren 1953 in Essen, ist einer der wichtigsten, wenn nicht der wichtigste Vordenker zu allen Themen rund um Management und Führung im deutschsprachigen Raum. Die Bücher des promovierten Philosophen sind Best- und Longseller. Er provoziert durch die Unabhängigkeit seiner Gedanken und irritiert durch die Direktheit, in der er sie formuliert. Sprenger stößt Leute vor den Kopf – damit dieser noch besser arbeitet.

Fazit: Ein Ratgeber für den Pragmatiker?

Gleich vorab: „Das anständige Unternehmen“ ist nicht gerade die seichte Urlaubslektüre für zwischendurch. Das mag einerseits an der gesamtgesellschaftlichen Relevanz der Thematik liegen, andererseits aber auch an Sprengers philosophischen Ausschweifungen sowie an mancher Formulierung, die scheinbar vor allem um ihrer selbst willen kompliziert sein will. Damit stellt sich natürlich die Frage, für wen dieses Buch geschrieben wurde. Für den Praktiker bzw. Pragmatiker, der eindeutige, schnelle Antworten auf konkrete Problemfälle sucht? Sicherlich nicht.

Für all diejenigen aber, die mehr als ein paar Minuten entbehren können und die die Verantwortung des Managements aus einem weiteren Blickwinkel betrachten wollen, wird Sprengers Buch durchaus eine Bereicherung sein. Allein schon deshalb, weil der Autor noch die selbstverständlichsten Erfolgsrezepte heutiger Führung mit Scharfsinn und bestechender Konsequenz hinterfragt. Ein Best-Practice-Ratgeber für zwischendurch? Nein. Aber ein wichtiger Anstoß zum Weiter – und vor allem: Überdenken.

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