„Digitaler Minimalismus“: Warum weniger mehr ist [Rezension]

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"Digitaler Minimalismus": Warum weniger mehr ist [Rezension]Hast du manchmal auch dieses „Von-Allem-zu-viel“-Gefühl, wenn du in der Online-Welt unterwegs bist? Ständig poppt eine neue Nachricht auf deinem Smartphone auf, deine sogenannten Freunde in den sozialen Medien bombardieren dich geradezu mit hübschen Urlaubsfotos, und dein Chef verlangt von dir regelmäßige Terminabsprachen über eine super praktische Zeitmanagement-App.

Wahrscheinlich fragst du dich dann irgendwann: Wo verläuft die Grenze zwischen dieser Online-Welt und deinem realen Leben? Gibt es überhaupt noch eine Grenze? Die gute Nachricht: Du bist mit deinem Problem nicht allein. Das weiß auch Bestsellerautor Cal Newport, der mit seinem Buch „Digitaler Minimalismus“ der kollektiven „Erschöpfung“ durch die digitalen Medien entgegenwirken möchte.

Besser leben mit weniger Technologie.

So lautet das Versprechen des Autors, der seinen eigenen Worten nach zu den Wenigen zählt, die heute keinen Social-Media-Account haben und generell kaum Zeit mit dem Surfen im Internet verbringen. Trotz – oder gerade wegen – seiner distanzierten Beobachterrolle möchte Newport untersuchen, was zu diesen weiterverbreiteten Erfahrungen führt und wie man diesem Wahnsinn Einhalt gebieten kann. Dafür entwickelt er in seinem Buch Stück für Stück eine Philosophie, die er dem Leser anhand praxistauglicher Übungen näherbringt.

Inhalt: Von der Philosophie zur Praxis

Ohne Umwege macht der Autor seinen Standpunkt deutlich: Wer seinen Umgang mit neuen Technologien von Grund auf ändern möchte, der wird mit schlichten Lifehacks und kleinen Tipps nicht weit kommen. Zu tief ist mittlerweile das Eindringen der Hightech-Welt in unser alltägliches Leben, zu groß der damit zusammenhängende kulturelle Druck, mit ebendieser zu interagieren, als dass „kleine Korrekturen“ Abhilfe verschaffen könnten. So die Meinung des Autors.

Stattdessen braucht es eine „Philosophie der Technologienutzung“, die darauf abzielt, die wichtigen von den unwichtigen Online-Aktivitäten klar zu unterscheiden, damit wir uns wieder auf das Wesentliche konzentrieren können.

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Für seinen digitalen Minimalismus, der genau das bezwecken soll, hat Newport gleich eine passende Definition parat:

„Eine Philosophie der Technologie, bei der wir unsere Online-Zeit auf eine kleine Anzahl von sorgfältig ausgewählten und optimierten Aktivitäten konzentrieren, die für uns wertvolle Angelegenheiten intensiv unterstützen, und auf alles Übrige freudig verzichten.“

Philosophie – schön und gut. Doch wie lässt sich diese in der Praxis umsetzen? Newports Antwort darauf ist die digitale Entrümpelung. Man darf sie als holprigen Neustart verstehen: Es beginnt mit dem absoluten Verzicht auf alle optionalen Online-Aktivitäten für insgesamt 30 Tage und endet mit einer Auswahl weniger Aktivitäten, die einem persönlich am meisten in diesem Zeitraum gefehlt haben. Dieser radikale Schnitt ist laut Newport notwendig, um den gewünschten Effekt zu erzielen:

„Die Entrümpelung gibt Ihnen Raum, eine Vorstellung von den Dingen zu entwickeln, die Ihnen am meisten bedeuten.“

Aufbau: Von der Grundlage zur Übung

Der Aufbau des Buches gestaltet sich sehr übersichtlich und klar strukturiert. Es beginnt mit ein paar einleitenden Worten darüber, wie der Autor auf das Thema aufmerksam geworden ist und was den Leser in den einzelnen Kapiteln erwartet. Auch auf seine Vorgehensweise geht Newport ausführlich ein, was zusätzlich zur Verständlichkeit des Ganzen beiträgt.

Im ersten Teil konzentriert sich der Autor dann zunächst auf die philosophischen Grundlagen des digitalen Minimalismus und erklärt, warum dieser in der heutigen Zeit notwendig und aus seiner Sicht vor allem „richtig“ ist. Daraus leitet er die digitale Entrümpelung ab, die als erster Schritt dazu beitragen soll, ein digitaler Minimalist zu werden. Einen konkreten Ablauf dieser Methode demonstriert der Autor anhand eines eigenständig durchgeführten Experiments, bei dem über 1600 Personen teilgenommen und von ihren Erfahrungen berichtet haben.

EXTRA: Digitalisierungsgrad steigt – nur nicht am Arbeitsplatz

Der zweite Teil widmet sich anschließend vier Ideen, die den Leser bei seinem Werdegang zum digitalen Minimalisten langfristig begleiten sollen. Diese sind:

  • Verbringen Sie Zeit allein
  • Klicken Sie nicht auf „Gefällt mir“
  • Die Rückeroberung der Muße
  • Widerstand gegen die Aufmerksamkeitsindustrie

Zusätzliche Übungen mit konkreten Anleitungen und Lektionen für den Alltag warten am Ende jedes Unterkapitels auf den Leser. Während die digitale Entrümpelung sozusagen den Befreiungsschlag einleiten soll, funktioniert der zweite Teil des Buches laut Newport wie eine Art „Werkzeugkasten“, der an die individuellen Umstände eines jeden angepasst werden kann. Auf diese Weise soll der digitale Minimalismus nachhaltig kultiviert werden.

Preis & Information

Digitaler Minimalismus: Besser leben mit weniger Technologie

Taschenbuch: 272 Seiten
Verlag: Redline Verlag, 17. April 2019
Preis: 19,99 €

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Über den Autor

Der Bestsellerautor und Informatiker Cal Newport betreibt in den USA die beliebte Webseite „Study Hacks“. Er hat bereits einige Karrierebücher geschrieben, die sich oft mit unkonventionellen Ratschlägen an die Leser wenden. Von ihm ist bereits „Konzentriert arbeiten“ im Redline Verlag erschienen.

Fazit: Weniger ist mehr?

Die Idee des Minimalismus – bzw. das Prinzip: „weniger ist mehr“ – ist keine bahnbrechende Neuheit, ganz im Gegenteil. In unserer heutigen hypervernetzten Welt erscheint Newports Ansatz allerdings fast schon wie ein längst überfälliger Weckruf. Schließlich beruft sich der Autor in seiner Argumentation auf eine kollektive „Erschöpfung“ seiner Mitmenschen, die der hoch digitalisierten Umwelt zum Opfer gefallen sind.

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Gleichzeitig aber – und vielleicht liegt gerade darin die Stärke und Aktualität des Buches begründet – begnügt sich der Autor keineswegs mit bloßer Schwarzmalerei. Vielmehr macht er auf die „durcheinandergewürfelte emotionale Landschaft“ der Gegenwart aufmerksam und wahrt dabei stets einen differenzierten Blick auf die Problematik: Dass man nämlich die Vereinfachungen und Möglichkeiten der digitalen Welt durchaus zu schätzen weiß, aber trotzdem einer Erschöpfung durch deren verstärktes Eindringen in den privaten Bereich erliegen kann.

Da wäre es einfacher zu sagen: „Früher war alles besser.“ Aber nein. Ein Fortschrittsverweigerer ist der Autor gewiss nicht. Mit dem digitalen Minimalismus zeigt er uns einen Mittelweg zwischen den Extremen auf, der mithilfe seines Buches für jeden Leser greifbar wird. Und vielleicht wird sich der ein oder andere tatsächlich ein Stück weit erleichtert fühlen, wenn er irgendwann nicht mehr den Zwang verspürt, jedes Urlaubsfoto seiner „Freunde“ zu liken oder auf jede Kurznachricht sofort zu antworten.

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