Digitalisierung: Rainer Brenner im Experten-Interview

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Längst hat die Digitalisierung Einzug in unser aller Leben gehalten. Doch nach wie vor fragen wir uns, was die Trends von morgen sind und wie Unternehmen den digitalen Wandel meistern können? Rainer Brenner, Buchautor und Umsetzungsberater für Change und Innovation, beantwortet uns die wichtigsten Fragen im exklusiven Interview.

Herr Brenner, Welche Geschäftsbereiche bzw. Unternehmensprozesse werden künftig am stärksten von der Digitalisierung revolutioniert werden?

Rainer Brenner: Künftig werden nicht nur Geschäftsbereiche, sondern wohl auch ganze Berufe durch Technik ersetzt werden. Heute sind zunehmend fertigungstechnische Berufe von der Digitalisierung bedroht: Fahrzeugbau, Bergbau, Chemie und Kunststoff, Metallbearbeitung, aber auch Finanz- und Rechnungswesen. Das sind alles Berufe, die bestimmten Regeln und Mustern folgen und somit leicht von Computern ersetzt werden können.

Von der Digitalisierung revolutionierte Geschäftsbereiche und Prozesse sind heute vor allem der Automobilsektor und die Landwirtschaft. Einerseits musste die Automobilbranche auf sinkende Verkaufszahlen durch gesellschaftlichen Wandel reagieren: So hat sich der Autohersteller mit Carsharing-Modellen zum Mobilitätsdienstleister transformiert. Andererseits hat sich Technologie im Fahrzeug und im Verkehr rasant entwickelt: Es gibt Beispiele von vernetzten Verkehrsteilnehmern, deren Endgeräte miteinander kommunizieren – und so die Unfallgefahr deutlich verringern sollen. So wird der Autofahrer an der unübersichtlichen Kreuzung davor gewarnt, dass von rechts ein Fahrrad angebraust kommt.

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In der Landwirtschaft hat Big Data für eine Revolution gesorgt. Sensoren messen den Nährstoffgehalt des Bodens und können Bewässerungsanlagen aktivieren oder automatisch gesteuerte Maschinen zur Ernte entsenden. So kann der Ernteertrag deutlich erhöht und der Energieaufwand dafür stark reduziert werden. Der digitalisierte Bauer von heute gleicht mehr einem Data Analyst, denn einem stereotypen Landwirt.

Nicht wenige Arbeitnehmer sehen ihren Job durch die Digitalisierung gefährdet – wie kann das Management mit dieser Angst umgehen?

Rainer Brenner: Die Angst vor dem Unbekannten ist normal. Digitalisierung bedeutet für viele Orientierungslosigkeit und Kontrollverlust. Darum bin ich auch der Meinung, dass Manager den Mut aufbringen sollten, dem Unbekannten entgegenzutreten, und sich konkret fragen sollten: Was bedeutet es, wenn wir die Hälfte der Belegschaft nicht mehr benötigen? Welche neuen Positionen entstehen durch die Digitalisierung? Und: Was können wir tun, um von der Digitalisierung bedrohte Mitarbeiter schon heute umzuschulen und fit zu machen für die Aufgaben der Zukunft?

Einerseits ist es die Aufgabe des Managements, für eine nachhaltige Mitarbeiterbefähigung zu sorgen, in der Mitarbeiter sich umschulen oder in andere Bereiche weiterentwickeln können. Andererseits liegt es auch in der Verantwortung der Mitarbeiter, sich nach zeitgemäßen Möglichkeiten umzuschauen, die weiterhin einen Mehrwert bieten können. Hier sollten sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer offen entgegenkommen und gemeinsam ausloten, welche Wege es gibt.

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Ein Weg wäre, von der Digitalisierung bedrohten Mitarbeitern viel Freiraum zu geben, sich weiterzuentwickeln und neue Geschäftsfelder zu erschließen. Im Idealfall entwickeln diese dann ganz neue Geschäftsideen, die nicht nur ihre eigene Position retten, sondern auch die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens noch einmal stärken. Es ist wichtig, nicht in die negative Denkart zu verfallen, sondern proaktiv zu suchen: Wo können unsere Mitarbeiter weiterhin Mehrwert bieten? Interne Innovationlabs, wo sich Mitarbeiter ausprobieren können, sind dafür ebenso förderlich wie Kooperationen und die Bildung von branchenübergreifenden Ökosystemen.

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Warum scheitern noch immer so viele digitale Projekte insbesondere im Mittelstand?

Rainer Brenner: Das kann ganz unterschiedliche Gründe haben. Immer wieder fällt mir auf, dass Mittelständler oftmals schauen, was die Wettbewerber tun – und dann einfach kopieren, ohne nachzudenken, was dieser Digitalisierungsschritt für das eigene Unternehmen bedeutet. Das ist überhaupt die Schlüsselfrage: Was bringt mir SAP für meine Geschäftsprozesse, wenn ich ein Zehn-Mann-Laden bin? Geht das nicht auch weniger komplex? Was nützt uns die aufwändige Entwicklung einer App, wenn sie kaum Mehrwert für den Kunden bietet? Die Technik kann noch so ausgefeilt sein: Wenn Sie die Kundenbedürfnisse nicht bedient, ist sie überflüssig.

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Gerade kleine und mittelständische Unternehmen haben ja oft Ressourcenknappheit: Zeit, Budget, Manpower. Da sollten sich Verantwortliche schon genau überlegen, wo Digitalisierung die Halbwertszeit ihrer Geschäftsmodelle verlängert, wo sie Neugeschäft generiert – und wo sie zum Kostenfresser wird. Einfach nur blind Trends hinterherzulaufen, führt oftmals zum Scheitern.

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