Erweiterte Realität (AR): Kommissionierung optimieren und unterstützen

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Wie die erweiterte Realität (AR) zur Optimierung der Kommissionierung beiträgt
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In den letzten Jahren wird das Thema „Erweiterte Realität (AR) in vielfältiger Hinsicht eingehend behandelt. Einer der Gründe für das stark wachsende Interesse an dieser Zukunftstechnologie ist, dass sie immer mehr Einsatzszenarien in unterschiedlichen Bereichen anbietet.

Bereits heute bringt die erweiterte Realität einen messbaren wirtschaftlichen Nutzen auch in der Logistik und der Lagerverwaltung und ermöglicht damit, den steigenden Ansprüchen gerecht zu werden. Obwohl die AR zur Leistungs- und Qualitätssteigerung bei der Erfüllung unterschiedlicher Aufgaben in der Lagerverwaltung beitragen kann, verspricht der Einsatz der AR-Technologie eine Effizienzsteigerung und den größten Erfolg in der Kommissionierung. Wie genau es funktioniert und auf welche Weise die erweiterte Realität die Kommissionierung transformiert und unterstützt, wird im Folgenden erläutert.

Erweiterte Realität (AR): So funktioniert´s

Die erweiterte Realität bildet die Grundlage für einen neuen Ansatz zur Sammlung, Speicherung, Verarbeitung und Bereitstellung von Daten, die virtuell auf dem Display von einem Endgerät – Tablet, Smartphone oder Datenbrillen – eingeblendet werden, um die reale Welt durch zusätzliche computergenerierte Informationen zu ergänzen und einen besseren Überblick über den gesamten Kommissionierprozess zu geben. Darüber hinaus gilt die AR als Basis für die sogenannte Pick-by-Vision:

Pick-by-Vision ist eine neue Methode bei der Kommissionierung, die zur Unterstützung von MitarbeiterInnen in der Lagerlogistik dient und durch die Einblendung von zusätzlichen Daten über die Datenbrillen erhöhte Flexibilität anbietet.

Um die Anreichung der realen Umgebung und echtzeitfähige Interaktionen zu ermöglichen, muss ein System zur AR-unterstützenden Kommissionierung eingeführt werden, das üblicherweise aus den folgenden Hauptkomponenten besteht: Visualisierungsmedium, Trackingsystem, System zur Datenhaltung, Szenengenerator und Interaktionsgerät. So ein AR-System zielt darauf ab, die reale Umgebung mit computergenerierten Daten situationsgerecht zu überlagern.

Kommissionierung: Wie ist ein AR-System aufgebaut?

  • Trackingsysteme (oft übernimmt eine im HMD eingebaute Kamera die Trackingfunktionen) dienen dazu, Positionen von betrachteten Artikeln und/oder von KommissioniererInnen zu bestimmen. Durch das Tracking erfasste Daten werden verwendet, um die lagerichtige Erweiterung des Sichtfeldes zu ermöglichen.
  • Das Ziel eines Systems für die Datenhaltung besteht darin, in einem Rechner hinterlegte relevante Informationen situationsgerecht zur Verfügung zu stellen.
  • Der Szenengenerator hat eine Aufgabe, auf der Basis von im Datenhaltungssystem hinterlegten Daten virtuelle Objekte in der für den Kommissionierer richtigen Perspektive zu erzeugen und diese an das Visualisierungsmedium zu liefern.
  • Zur Visualisierung von virtuellen Daten können unterschiedliche Anzeigegeräte zum Einsatz kommen. Aber oftmals werden für die Kommissionierung die AR-Datenbrillen verwendet. Warum? Die Antwort ist einfach und logisch: die Bereitstellung von kontextbezogenen Informationen im Blickfeld einer Kommissioniererin bzw. eines Kommissionierers durch die AR-Brillen ermöglicht freihändiges Arbeiten und die effizientere Erledigung seiner Hauptaufgaben.
  • Ein Interaktionsgerät (wie z. B. Touchpad am mobilen Gerät, Tastaturen oder Interaktion durch Spracheingabe) kommt zum Einsatz, um die Kommunikation mit dem AR-System und somit einen Eingriff in die Szene in Echtzeit zu ermöglichen.

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Erweiterte Realität in der Praxis: Datenbrillen

KommissioniererInnen werden mit Hilfe von Datenbrillen virtuell durch das Lager geführt, kontinuierlich mit relevanten Daten versorgt und gezielt durch den gesamten Kommissionierungsauftrag Schritt für Schritt geleitet. Ein großer Vorteil der AR-unterstützenden Kommissionierung besteht darin, dass die Informationen ständig aktualisiert werden, was auch ermöglicht, sich an die veränderten Umstände anzupassen und dadurch spürbar Zeit zu sparen. So zum Beispiel kann das angeschlossene Warehouse-Management-System (kurz WES) basierend auf den aktuellen Daten solche Aktionen wie Nachbestellungen oder Wegoptimierung automatisch durchführen.

In das Blickfeld der KommissioniererInnen können die folgenden Daten eingeblendet werden:

  • Es werden Informationen angezeigt, welche Schritte und in welcher Reihenfolge bearbeitet werden müssen (wie z.B. Daten über die nächsten Artikel und die daraus folgenden Tätigkeiten).
  • KommissioniererInnen werden informiert, wo sie sich gerade befinden (das ist durch ein integriertes Trackingsystem wie z.B. Kamera möglich).
  • Auf dem Display wird die beste Route angezeigt, die ausgehend aus dem vorliegenden Auftrag durch das angebundene System berechnet wird. Damit wird es ermöglicht, zu dem entsprechenden Fach oder zur Palette, aus denen erforderliche Artikel entnommen werden müssen, am schnellsten zu gelangen.
  • Es werden relevante Informationen zum jeweiligen Auftrag bereitgestellt (wie z.B. Artikelnummer, Entnahmemenge usw.).
  • Das System stellt auch relevante Daten über den Zustand der Verpackung oder des Produktes bereit, was auch ermöglicht, automatisch die Qualität von Waren immer unter Kontrolle zu halten.
  • Es können auch kontextabhängige Verpackungshinweise gegeben werden, um die Qualitätssteigerung sicherzustellen.

Nachdem das erforderliche Artikel gefunden und entnommen wurde, wird sein Barcode durch einen in die Datenbrillen integrierten Barcode-Scanner erfasst und an das damit verbundene System gesendet, um die getätigten Arbeitsschritte zu bestätigen und damit die kontinuierliche Überwachung von Waren zu ermöglichen. Die Bestätigung oder auch andere Interaktionen können auch per Touchpad am mobilen Gerät, Armtastaturen oder per Spracheingabe erfolgen. Der direkte Bestandsabgleich und die Synchronisation von Daten ermöglichen, Daten immer vollständig, aktuell und genau zu halten.

AR-Technologie für Lagerhäuser: Ein großer Fortschritt

In der Praxis bedeutet all das für die KommissioniererInnen, dass sie in der Lage sind, für den Auftrag erforderliche Artikel schneller zu finden, das Zusammenstellen von Aufträgen dynamischer zu gestalten und als Ergebnis Aufträge schneller abzuschließen. Das verspricht einen großen Fortschritt für verschiedene Lagerarten. Aber von größter Bedeutung ist die AR-Technologie für Lagerhäuser mit einer Größe von mehr als 100.000 Quadratmetern, wo die Suche nach den passenden Artikeln nicht nur für neue MitarbeiterInnen, sondern auch für erfahrene KommissioniererInnen zu einer echten Herausforderung werden kann.

Demnach ist es verständlich, warum die DHL – einer der weltweit führenden Anbieter für Logistik – 2014 das Pilotprojekt gestartet hat, um den Nutzen der AR-Anwendungen und der Datenbrillen im Lagerbetrieb zu testen. Nach Angaben des Unternehmens ermöglichten die Datenbrillen eine Effizienzsteigerung um mehr als 25 Prozent in der Kommissionierung.

Vorteile im Überblick

Es lässt sich zusammenfassend sagen, dass der Einsatz der AR-Technologie erhebliche Potenziale für den Kommissionierungsprozess birgt und die folgenden Vorteile bietet:

  • Produktivitätssteigerung: Durch die erhöhte Flexibilität haben die KommissioniererInnen beide Hände frei, was ihnen ermöglicht, eine höhere Geschwindigkeitbei der Erledigung von Hauptaufgaben sowie die erhebliche Produktivitätssteigerungzu erreichen.
  • Geringere Fehlerquote: Digitale Pickliste und Artikelbeschreibung sowie der direkte Abgleich mit dem Lagersystem helfen den KommissioniererInnen Fehler zu vermeiden und damit eine geringere Fehlerquote zu erreichen.
  • Reduzierte Kommissionierzeit: Die durch den Einsatz von Datenbrillen ermöglichte beleglose Kommissionierung, die verbesserte optische Navigation zum Entnahmeort, spürbar verkürzte Trainingszeiten für neue MitarbeiterInnen, der direkte Abgleich von realen und virtuellen Artikeln, der vereinfachte Suchprozess tragen dazu bei, dass die durchschnittliche Kommissionierzeit deutlich reduziert wird.
  • Kostenersparnisse: Die reduzierte Fehlerrate bei der Kommissionierung, die Leistungs- sowie Qualitätssteigerung sowie das verbesserte Lagermanagement ermöglichen es, spürbare Kosteneinsparungen zu erzielen (besonders bei einer großen Anzahl von zu bearbeitenden Aufträgen).
  • Die erhöhte Zufriedenheit und Bindung von MitarbeiterInnen: Da MitarbeiterInnen ihre Arbeit schneller ausführen, weniger Fehler machen, haben diese Faktoren einen direkten Einfluss auch auf den Grad ihrer Zufriedenheit.

Fazit: Eine Investition in AR-basierte Lösungen lohnt sich

Laut einer Studie von Capgemini Reserch Institute führen 38 Prozent der Unternehmen aus der Bundesrepublik Deutschland aktuell AR-basierte Lösungen ein. 82 Prozent der befragten Unternehmen aus acht Ländern (einschließlich Deutschland), die aktuell AR oder VR in ihrem Geschäftsbetrieb einsetzen, geben an, dass sie damit gute Erfahrungen machen.

Der Erfolg von DHL, wo die Effizienzsteigerung um mehr als 25 Prozent durch die Einführung der Pick-by-Vision auf der Basis von AR-Datenbrillen erreicht wurde, beweist auch, dass es sich lohnt, in diese Zukunftstechnologie zu investieren.

Es wird prognostiziert, dass die AR-Technologie in den nächsten Jahren enorme Fortschritte für immer mehr Lebensbereiche bedeuten wird und letztendlich zum Durchbruch verhilft. Wann genau die erweiterte Realität zum Standard wird, ist nur eine Frage der Zeit.

Boris Shiklo
Boris Shiklo, CTO bei ScienceSoft ist verantwortlich für eine langfristige technologische Vision und die Entwicklung von Innovationsstrategien im Unternehmen. Boris Shiklo verfügt über solide Kenntnisse in IT-Beratung, Softwareentwicklung, Projektmanagement und strategischer Planung.

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