Arztpraxen: So hilft Digitalisierung in der Pandemie

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Arztpraxen: So hilft Digitalisierung in der Pandemie
© Elena Borisova - pixabay.com

Schon Ende 2019 hielt das IGS im Praxisbarometer Digitalisierung die fortschreitende Digitalisierung von Arztpraxen fest. Fast die Hälfte aller Vertragsärzte hatte zum Stichtag an einer Fortbildung im Bereich Digitalisierung teilgenommen. Über drei Viertel hatten die Patientendokumentation zumindest teilweise digitalisiert. Einem Großteil aller Befragten waren die Vorteile dieser Schritte bewusst – sowohl für das Praxismanagement als auch die Kommunikation mit Krankenhäusern und Kollegen. Im Jahr 2020 hat die Coronakrise die Digitalisierung weiter gefördert. Ohne digitale Kompetenz haben Arztpraxen seitdem einen zunehmend schweren Stand.

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Die Coronakrise ist für die Digitalisierung zu einem einmaligen Treiber geworden. Auch im Gesundheitsbereich. Das zeigt sich durch Angebote der Telemedizin, wie Videosprechstunden, die mittlerweile von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) zertifiziert wurden. Patienten müssen so zur ärztlichen Konsultation nicht mehr zwingend in die Praxis. Dadurch senken die in der GKV voll erstattungsfähigen Lösungen das Infektionsrisiko. Deshalb zählt die Videosprechstunde 2020 zu den wichtigsten Trends im Bereich Digital Health.

Videosprechstunden gegen Infektionsrisiken

2019 gaben viele Ärzte im Praxisbarometer die Digitalisierungskosten als größtes Hemmnis an. Die Pandemie verändert jedoch ihre Kosten-Nutzen-Rechnung. Vor allem die Versorgung von Risikopatienten wird durch Telemedizin wesentlich erleichtert. Außerdem können Ärzte digitale Lösungen wie die Videosprechstunde in der Pandemie kostenlos nutzen.

Mehr Sicherheit für Ärzte und Mitarbeiter

Berufsbedingt besteht für Ärzte, Pflegekräfte und anderes Gesundheitspersonal ein erhöhtes Infektionsrisiko. Das RKI meldete im Juli insgesamt über 14.000 SARS-CoV-2-Infektionen in Gesundheitsberufen. Damit arbeiteten rund sieben Prozent aller deutschen Infizierten in der Gesundheitsbranche. Das ist im internationalen Vergleich eher wenig. Trotzdem spricht auch der Mitarbeiterschutz vor Infektionen für den Nutzen telemedizinischer Lösungen. Nicht nur Risikogruppen lassen sich telemedizinisch behandeln. Denn der digitale Behandlungsweg kann auch bei Patienten mit Verdacht auf eine Sars-CoV-2-Infektion sinnvoll sein.

Digitales Terminmanagement für höhere Effizienz

Die Infektionsvorbeugung hat den Praxisalltag während der Pandemie verändert. Seit der Coronakrise haben Ärzte sogar bei fallender Patientenzahl mehr Arbeit. Das liegt nicht zuletzt an einem zunehmend strengen Hygiene-Regime. Zeit bleibt vielen Ärzten seit Corona nur wenig. Umso wichtiger ist es geworden, die vorhandene effizient zu nutzen. Auch in diesem Zusammenhang lohnt sich Telemedizin. Das gilt vor allem für digitales Terminmanagement. Digitale Wartezimmer erleichtern Ärzten vor Terminen den Zugriff auf Vorbefunde und Bilddateien. Per digitalem Terminplaner lassen sich Patienten außerdem ohne Aufwand an Termine erinnern. Automatisierte Benachrichtigungen informieren sie über Verzögerungen. So lassen sich übervolle Wartezimmer verhindern. Der Praxisablauf lässt sich damit leicht und schnell an die Covid-19-Pandemie anpassen.

Zeitsparende Kommunikationswege mit anderen Ärzten

Im vorausgegangenen Jahr nutzten nur 14 Prozent aller Arztpraxen und etwa 20 Prozent aller Hausärzte telemedizinische Anwendungen. 2020 wird das Praxisbarometer Digitalisierung schon aus den genannten Gründen einen wesentlichen Anstieg dieser Zahlen dokumentieren. Auch die Kommunikation mit anderen Einrichtungen ist während der Pandemie zunehmend wichtig geworden.

  • Bis 2019 kommunizierten über 80 Prozent der Ärzte mehrheitlich in Papierform mit anderen Medizinern.
  • Behandlungsrelevante Daten wie Arztbriefe wurden auf elektronischem Weg kaum ausgetauscht.
  • Nur im Hinblick auf Labordaten waren fast drei Viertel aller Praxen bis dahin digital unterwegs.

Trotz verhaltener Nutzung wünschte sich ein Großteil aller Ärzte schon damals Zeitersparnisse durch digitale Kommunikationslösungen. Die Coronakrise hat die Industrie ein Jahr später zur Entwicklung bezahlbarer und sicherer Angebote motiviert. Auch das dürfte sich in der nächsten Bestandsaufnahme im Hinblick auf die Praxis-Digitalisierung in Form steigender Nutzerzahlen zeigen.

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Anhaltender Vorbehalt hinsichtlich der Arzt-Patienten-Kommunikation

Digitale Kommunikation bietet Ärzten und Patienten gerade zu Zeiten von Corona wichtige Vorteile. Nichtsdestotrotz bleibt in vielen Praxen ein Vorbehalt bestehen. Mit ausschließlich digitalen Kommunikationswegen könnte man der Arzt-Patienten-Beziehung schaden. Der direkte Arzt-Patienten-Kontakt bleibe auch in Zukunft unersetzlich. Das nicht nur, was die persönliche Beziehung und das Vertrauen betrifft. Auch die Zustandsbeurteilung der Patienten fällt bei Vor-Ort-Terminen oftmals leichter. Eigenschaften wie der Geruch können in Einzelfällen beispielsweise entscheidende Hinweise geben. Tatsächlich sollte die Ausschließlichkeit telemedizinischer Angebote auch künftig nicht das Ziel sein. Die sinnvolle Implementierung digitaler Lösungen dagegen schon. Die Pandemie hat die Vorteile dessen längst bewiesen.

Anpassungen des Fernbehandlungsverbots haben der Nutzung telemedizinischer Angebote 2020 den Weg geebnet. Angesichts der anhaltenden Pandemie-Situation fordern einige Experten weitere Gesetzesanpassungen. So soll Praxen die Digitalisierung in der Krise weiter erleichtert werden.

Nadin Hänisch
Nadin Hänisch schreibt über E-Health und Telemedizin. Sie hat sich auf die Themenfelder Gesundheit und Technologie spezialisiert und schon auf anderen Gesundheitsportale geschrieben. Sie ist außerdem als Coach und Beraterin im Bereich Digitalisierung tätig.

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