Warum tun wir uns so schwer mit Homeoffice und Homeschooling?

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Warum tun wir uns so schwer mit Homeoffice und Homeschooling?
© Alexandra_Koch - pixabay.com

Seit März 2020 erlebt unsere Wirtschaft eine Transformation von bislang ungeahntem Ausmaß. Nicht nur Geschäfte, Restaurants und Bars mussten schließen, sondern auch Schulen und Kitas. Millionen gingen in Kurzarbeit oder wurden zur Heimarbeit verdonnert. Homeoffice war angesagt. Die wenigsten Unternehmen und MitarbeiterInnen waren jedoch wirklich darauf vorbereitet. Nicht viel anders erging es den Schulen, die nun Homeschooling praktizieren sollten.

Ist die Digitalkompetenz der Deutschen wirklich so schlecht?

Die Corona-Pandemie brach über uns herein wie ein Tsunami. Wir mussten uns plötzlich nicht nur mit neuen Hygieneregeln wie Abstand halten und dem Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes anfreunden, sondern viele mussten auch ihre beruflichen Gewohnheiten von jetzt auf gleich komplett umstellen. Dabei waren die Voraussetzungen für Homeoffice bei den meisten doch gar nicht so schlecht. Mit der Digitalkompetenz der Deutschen sei es schlecht bestellt, fand jüngst eine Studie heraus. Doch nicht auf allen Feldern, denn bei der Anwendungskompetenz schnitt Deutschland mit 70 von 100 Punkten ganz passabel ab. Der E-Commerce jedenfalls hat sich prächtig entwickelt, wie die Umsatzzahlen der großen Online-Anbieter belegen.

Ist das Glas nun halb leer oder halb voll?

Beim Onlineshopping sind wir doch schon spitze

Auf Amazon zu bestellen ist die eine Seite und online im Homeoffice zu arbeiten die andere. Doch ist das wirklich so? Nehmen wir einmal das Beispiel einer Produktsuche. Wer sich ein neues Handy kaufen möchte, hat zunächst eine Menge Fragen. Vielleicht googelt die oder der Kaufwillige nach einem neuen Smartphone und landet auf einem Vergleichsportal, das ihm aktuelle Handyangebote präsentiert. Direkt nach dem Aufruf der Seite wird sofort klar, wie groß das Angebot an Produktalternativen ist. Intuitiv setzen wir Filter für gewünschte Optionen wie Farbe, Speicher und Displaygröße und legen die Preisspanne fest, um unser Wunschhandy zu finden.

Wenn noch Fragen offen sind, begeben wir uns ins Forum, lesen Blogs oder nehmen – falls angeboten – die Online-Kaufberatung in Anspruch. Ein Chatbot „Made by Künstliche Intelligenz“ unterhält sich dann mit uns, als stünden wir in einem Laden dem Verkaufspersonal direkt gegenüber. Genauso wechseln wir Stromanbieter, schließen Versicherungen ab und erledigen viele unserer Bankgeschäfte per Online-Banking. Zumindest das Onlineshopping scheinen wir perfekt zu beherrschen.

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Warum tun wir uns so schwer mit Homeoffice?

Eine Menge an digitaler Kompetenz haben wir uns somit längst angeeignet, auch wenn das vielen noch gar nicht bewusst ist. Wohl die wenigsten haben ihre Digitalkompetenz per Schulung erhalten. Vielmehr wurden die Fähigkeiten in der Praxis erworben. Nicht nur die Jüngeren, sondern auch die Älteren hantieren inzwischen wie selbstverständlich mit Whatsapp herum und richten Gruppen ein, um mit ihrem Freundeskreis in Verbindung zu bleiben. Aus dieser Perspektive dürfte Homeoffice für die meisten wohl keine unüberwindliche Barriere darstellen. Eine Videokonferenz mit Zoom oder Microsoft Teams zu starten, ist genauso einfach, wie skypen. Und geskypt haben wohl die meisten von uns schon einmal. Die Probleme beim Homeoffice liegen ganz woanders.

Ein Paradies für den inneren Schweinehund

Es ist die vertraute heimische Umgebung mit den vielen Ablenkungsverlockungen, in der die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben verwischen. Ob das Telefon klingelt oder die Kinder quengeln – für viele ist das eine völlig neue Erfahrung. Kurzum, die richtige Work-Life-Balance im Homeoffice zu finden, stellt für die meisten unter uns offenbar die größte Herausforderung dar. Zudem fehlen das Lob und die Kritik von Vorgesetzten sowie der Smalltalk mit KollegInnen. Die Frage, ob wir alles richtig gemacht haben, müssen wir uns fortan selbst beantworten.

Viele Arbeitgeber befürchten einen Kontrollverlust

Und wie steht es mit den ArbeitgeberInnen? Viele große Unternehmen hatten auch schon vor Corona mit Homeoffice Erfahrungen gesammelt. Richtig mau sieht es dagegen im Mittelstand aus. Hier fehlt es nicht nur an den passenden Strategien, Software und Infrastruktur für Arbeitsplätze im Homeoffice, sondern auch an Vertrauen. Aufgrund der Urangst, die Kontrolle über wichtige Bereiche des Unternehmens zu verlieren, haben sich viele CEOs erst gar nicht weiter mit dem Thema beschäftigt. Jetzt, wo aufgrund der Auswirkungen der Corona-Pandemie massiv Kosten eingespart werden müssen, scheinen einige KMUs das Homeoffice jedoch für sich zu entdecken.

Versäumnisse und Lichtblicke staatlichen Handelns

Vater Staat wird indes nicht müde, die Chancen der Digitalisierung in den schönsten Farben zu malen. So richtig glaubwürdig ist das allerdings nicht, wurde doch der Ausbau der Infrastruktur über lange Jahre geradezu stiefmütterlich behandelt. Gleich, ob Breitbandausbau oder 5G – Deutschland belegt hier im internationalen Vergleich leider nur die hinteren Plätze. Und das als eines der führenden und reichsten Industrieländer!

Mehr Baustellen zu bewältigen – Homeschooling

Die unzureichende Infrastruktur mit viel zu langsamen Internetverbindungen ist aber bei Weitem nicht das einzige Problem. Corona brachte noch viel mehr an den Tag. Nicht nur der bauliche Zustand vieler öffentlicher Schulen lässt zu wünschen übrig, sondern auch die Ausstattung mit digitalem Equipment. Das hat eine Vielzahl von Gründen: Selbst dort, wo Gelder bereitstehen, werden sie oft nicht abgerufen, weil es in vielen Fällen schlicht an der Motivation des Lehrpersonals mangelt. Eine überalterte und rundum versorgte Lehrerschaft hat eben keine Lust mehr, sich mit neuen Techniken im Unterricht auseinanderzusetzen. Wozu auch?

So richtig auffällig wurden diese Lücken erst, als Homeschooling wegen Corona anstelle des Präsenzunterrichts trat. Die digitale Inkompetenz vieler LehrerInnen spricht Bände. Doch auch hier gibt es einen Lichtblick: Das Bundesministerium für Bildung und Forschung bemüht sich immerhin mit einer entsprechenden Bildungsoffensive, die Digitalisierung in der Lehrkräftebildung voranzutreiben.

Robert Schulz
Robert Schulz ist Berater für den Mittelstand. Er hat sich auf die Themenfelder Industrie und IT spezialisiert und schon einige erfolgreiche Unternehmen gegründet und begleitet. Er ist außerdem als Coach für Unternehmenskommunikation und Mitarbeiter-Motivation tätig und als Mediator unterwegs.

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