Gibt es im Business Schiedsrichter? Oder nur beim Fußball?

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Gibt es im Business Schiedsrichter? Oder nur beim Fußball?
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Gibt es im Business Schiedsrichter für schlechtes Benehmen oder ist das nur dem Fußball vorbehalten? Für jeden Mannschaftssport gibt es Spielregeln. Solche, die das Miteinander der SportlerInnen und TrainerInnen regeln. Und solche, die während eines Fußballspiels auf dem Platz gelten. Werden Spielregeln verletzt, gibt es Abmahnungen, bis hin zum Platzverweis und Sperrung für das oder die nächsten Spiele. Fair Play gilt für alle und bildet den Rahmen.

Ohne die Einhaltung der Spielregeln und Werte wie Disziplin, Achtsamkeit, Respekt und Fairness kann ein Fußballteam nicht erfolgreich sein.

Übertragen wir dies auf die Wirtschaft, stellen sich folgende Fragen: Kann ein Team erfolgreich sein, wenn sich nicht alle gleichermaßen an die Spielregeln halten? Wie ist das mit Business Etikette, Höflichkeit, Achtsamkeit, Rücksichtnahme, Hilfsbereitschaft, Fair Play? Liegt der Fokus des Teams auf dem Bestreben nach dem gemeinsamen Erfolg, also auf dem großen Ganzen, oder eher auf den persönlichen Belangen und Bedürfnissen?

Wer ist der Schiedsrichter im Business und pfeift ab?

Die Führungskraft ist Vorbild. Ist sie auch der Schiedsrichter?

Eine Mannschaft bleibt eine Mannschaft, ob auf dem Fußballfeld oder im Business. Die Führungskraft ist der Coach. Muss sie auch gleichzeitig der Schiedsrichter sein?

Klar ist, eine Mannschaft kann nur dann erfolgreich sein, wenn sich alle den Regeln verpflichtet und sich als Gemeinschaft fühlen. Die Schlüsselrolle hat hier der Trainer, denn konsequentes Verbessern der Fähigkeiten und des Teamgeistes sind von essentieller Bedeutung. Dazu braucht es Geduld, Motivation, gute Kommunikation, ständiges Training und Feedback. Im Sport gibt es kein Training und keinen Wettkampf ohne ein Feedback, denn wie sollten sich SportlerInnen und die Mannschaften verbessern, wenn sie ihre Spielzüge, ihre Skills und ihr Benehmen nicht gespiegelt bekämen und konsequent daran gearbeitet würde?

Auch im Business werden regelmäßig, wenn auch in großen Abständen, Mitarbeitergespräche mit Feedback geführt. Dabei kommen Benehmen und die Business Etikette zur Sprache, aber wie viel bekommt der Trainer – in unserem Fall die Führungskraft – überhaupt davon im Laufe des Jahres mit?

Sofern die Führungskraft selbst ein Verständnis von wertschätzendem Umgang, gutem Benehmen und eine gute Wahrnehmung und Achtsamkeit hat, kann sie vieles vom Team aufnehmen – auch aus dem Homeoffice heraus. Denn selbst bei Videokonferenzen kann der Teamleader die Eigenheiten der Teammitglieder wahrnehmen: Erscheinen alle pünktlich, sind sie adäquat, sprich im Sinne der Firmenkultur gekleidet, höflich im Ton und im Umgang, teamorientiert, präsent und nicht abgelenkt? Ist das nicht der Fall, beispielsweise wird nebenher erkennbar das Handy bedient oder das Erscheinungsbild ist nicht akzeptabel, wäre das der Moment, es zu kommentieren. Das passiert in den seltensten Fällen. Warum ist das so?

Bleiben wir bei dem Beispiel des Handys. Neben der non-verbalen Kommunikation, die durch das Bedienen des Handys übertragen wird, kommt ein weiterer Aspekt hinzu: Ist es gang und gäbe, dass das Handy ständig und zu jeder Gelegenheit bedient wird? Lebt dies die Führungskraft vor? Dann ist es kein Wunder, dass die Mannschaft diese Gepflogenheit als normal empfindet. Der Coach, der Trainer und die Führungskraft haben Vorbildfunktion.

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Die Vorbildrolle ist ausschlaggebend

Ist die Führungskraft zwar ein gutes Vorbild, aber zögerlich, das Teammitglied auf das Fehlverhalten anzusprechen, wird dem Betroffenen dieses nicht bewusst. Sollte die Führungskraft selbst multitasking sein und es für normal und wichtig erachten, andere Dinge nebenbei zu tun, während ein Teammitglied spricht, dann wird ihr nicht auffallen, was sie mit ihrem Tun signalisiert – nämlich Unaufmerksamkeit, Desinteresse und Respektlosigkeit. Ein fatales Signal und ein schlechtes Vorbild!

In meiner Tätigkeit als Führungskräfte-Coach habe ich immer wieder gehört, wie schwer es Vorgesetzten aller Hierarchiestufen fällt, „weiche Faktoren“ und hier ganz besonders das äußere Erscheinungsbild, einen unhöflichen Ton, flapsigen oder rüpelhaften Umgang anzusprechen. Das Argument des Zögerns ist, dass die Kritiker befürchten, zurückgewiesen zu werden, da es vermeintlich ein Eingriff in die Freiheit und Selbstbestimmtheit sei – so wird argumentiert. Daraus wiederum ergäbe sich eine unangenehme Diskussion. Sofern die Ansprache höflich, begründet und mit wohlgewählten Worten erfolgt, sollte es zu keiner Verletzung kommen, weder der Persönlichkeit noch der Befindlichkeit. Es geht um mehr, als nur die ausgesendeten Signale zu benennen und darauf hinzuweisen, dass sie unerwünscht sind. Es geht darum, Unternehmenskultur zu leben und zu verteidigen, Erfolg zu sichern – ob nun auf dem Fußballfeld oder im Unternehmen und den Teamgeist hoch zu halten.

Es braucht also einen starken Coach mit klaren Ansagen, um Ausreißer einzufangen, auf das Einhalten der Spielregeln zu bestehen und gegebenenfalls auch die gelbe oder rote Karte zu zeigen. Konsequenz ist sowohl im Mannschaftssport als auch im Team von Bedeutung.

Während meiner berufliche Laufbahn habe ich erfahren dürfen, dass meine Hinweise und Vorgaben z.B. zum Business Outfit, zur Wortwahl und Ansprache Kunden gegenüber, später als positives, wertschätzendes, dankendes Feedback zu mir zurückkam. Meine Anmerkungen waren zum Wohle der Firma und im Sinne des Images, aber auch im Sinne der Karriere und zum Vorteil jedes Einzelnen gemeint. Manches Mal ist das erst im Nachhinein genau verstanden worden.

Wenn es keine Vorbilder gibt, wenn sich Vorgesetzte nicht trauen, Mitarbeitende nach Hause zu schicken, damit sie sich umziehen, Einhalt gebieten in der Wortwahl, inadäquates Verhalten aufdecken und benennen, wie soll dann Unternehmenskultur entstehen und gelebt werden? Wie soll dann eine Mannschaft zu einer erfolgreichen Einheit zusammenwachsen können?

Ist der Trainer, die Führungskraft kein gutes Vorbild, sollte sie sich nicht wundern, wenn die Mannschaft es ihr gleichtun. Denn allein durch die Vorbildfunktion (z.B. ständiges Bedienen des Handys) ist das Fehlverhalten zu einer bestehenden Spielregel geworden.

Brauchen wir Schiedsrichter in der Wirtschaft?

Der Schiedsrichter ist eine außenstehende Person, die darauf achtet, dass die Regeln des Spiels von den Mannschaftsmitgliedern befolgt werden. Übersetzt in die Wirtschaft wäre es eine neutrale Person, die darauf achtet, dass die Teamregeln eingehalten werden. In einem größer gedachten Rahmen könnte es auch eine Person sein, die die Unternehmenskultur im Blick behält und bei Missachtung einschreitet. Der Schiedsrichter auf dem Fußballfeld muss alle Regeln sicher beherrschen, schreitet bei Regelverletzungen ein und ahndet sie durch disziplinarische Maßnahmen.

Die Schwierigkeit im Business ist, dass die Führungskraft zugleich Coach, Trainer und Schiedsrichter sein und zudem das Team befähigen soll, sich selbst um die Einhaltung der Regeln zu kümmern. Das ist eine Überforderung des Teams und in den drei Funktionen auch der Führungskraft. Im Sinne einer Unternehmenskultur wäre es also sinnvoll, eine neutrale Person als Schiedsrichter zu benennen, an die sich die Spieler/Teammitglieder, aber auch der Trainer und Coach wenden kann. Seine/ihre Aufgabe wäre es, ebenso wie die eines Schiedsrichters, Fehlverhalten anzusprechen, Streit zu schlichten und Lösungen für Konflikte zu finden.

Gibt es keinen Schiedsrichter im Unternehmen und ist auch keiner gewünscht, was überwiegend der Fall ist, ist die Vorbildrolle um so wichtiger. Daher sollten in jedem Fall die Führungskräfte Vorbild sein und die Spielregeln vorleben. Je mehr Vorbilder also, desto mehr und selbstverständlicher folgen die Mitarbeitenden, um so höher ist der Erfolg des Unternehmens.

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Die Unternehmenskultur sichert den wirtschaftlichen Erfolg

Eine Unternehmenskultur, ähnlich wie ein Sportverein, dient dazu, einen Rahmen und Identität zu geben. Sie beschreibt Rituale, Maßstäbe und Regeln einer Gemeinschaft. Eine im besten Fall miteinander vereinbarte, zeitgemäße und von allen gelebte Unternehmenskultur sichert den wirtschaftlichen Erfolg. Die Führungsriege fungiert als Vorbild und Multiplikator.

Insbesondere mit Blick auf die Generationenvielfalt in Unternehmen ist eine gelebte Unternehmenskultur so wichtig, denn Werte, Maßstäbe und der Anspruch an selbige verändern sich. Was für den einen selbstverständlich und wichtig ist, gilt für den anderen schon lange nicht mehr. Welche Werte und Kompetenzen sind heute in Unternehmen gefragt? Vertrauen, Respekt und Authentizität gehören zu den wichtigsten Werten.

Studien haben gezeigt, dass sich die Produktivität der Mitarbeitenden um 20 Prozent erhöht allein durch die Glaubwürdigkeit, die eine Führungskraft ausstrahlt. Denn Authentizität führt bei der Mannschaft zu einer höheren Motivation, größeren Arbeitszufriedenheit und einer Verbundenheit mit der Führungskraft. Ist die Führungskraft also in ihrem Tun vorbildlich, strahlt dies auf die Mitarbeitenden ab und sie tun es ihr nach. Damit nicht genug. Eine positive Identifikation mit der eigenen Führungskraft wirkt sich ebenfalls positiv auf die Verbundenheit mit dem Unternehmen aus.

Ähnliches gilt für das Thema Respekt. Respekt ist ein Grundbedürfnis eines Jeden. Trotzdem ist eine Kluft zwischen Theorie und Praxis erkennbar: Respekt fordert jeder ein und ist üblicherweise im Firmenleitbild verankert. Offensichtlich weiß aber kaum jemand, was ein respektvoller Umgang bedeutet und wie er anzuwenden ist. Umfragen haben ergeben, dass insbesondere Respekt, Wertschätzung und Anerkennung im Berufsleben vermisst werden. Warum gelingt die Umsetzung also so wenig?

Laut der Autorin Heike Leitschuh „ist eine allgemeine Ignoranz im Umgang miteinander, das Wegschauen und das Phlegma, anderen zu helfen, Rücksichtslosigkeit und ein zunehmend rüder Ton festzustellen. Grund dafür scheinen u.a. bei den sozialen Medien auszumachen zu sein.“

Die verkürzte Kommunikation, meist ohne jede Ansprache und jeden Gruß, tragen dazu bei. Die ständige Bereitschaft, auf diese Weise zu kommunizieren, bringt uns dazu, in gleicher Weise von Angesicht zu Angesicht miteinander zu sprechen. Das macht den Ton oft rau. Empathie, emotionale Intelligenz und die Kommunikationsfähigkeiten verkümmern.

Fair Play und gutes Benehmen

Voraussetzung für Fair Play und ein gutes Benehmen ist, was jeder Einzelne mitbringt und was ihm vorgelebt wird. Die Vorbildfunktion des Coaches, Trainers und der Führungskraft ist also ausschlaggebend für ein wertschätzendes Miteinander im Unternehmen. So wie auf dem Fußballplatz auf Fair Play, Teamgeist und die Spielregeln geachtet wird, so kann und sollten dies auch in Unternehmen beachtet und trainiert werden. Das zeigt sowohl eine Studie von Robert Half, Personaldienstleister, aus dem Jahr 2017 sowie aktuelle Erhebungen die herausgefunden haben, dass für deutsche Beschäftigte „Respekt und Fairness“ auf Platz eins der abgefragten Faktoren stehen, um am Arbeitsplatz zufrieden und glücklich zu sein, direkt gefolgt von „Stolz“ und „dem Gefühl, etwas geleistet zu haben“. Wir sehen also, dass diese Faktoren eminent wichtig sind, gefördert und bewahrt werden sollten.

Regulierend einzugreifen und manch unbedachte Verhaltensweisen anzusprechen ist für den Erhalt und die Pflege gemeinsamer Werte und Spielregeln unabdingbar. Manches Mal bedarf es dazu einer Portion Mut, stets einer geeigneten Wortwahl und grundsätzlich einer positiven inneren Haltung, an der Gemeinschaft und dem gemeinsamen Erfolg arbeiten zu wollen. Kritik wird oft negativ verstanden, dabei dient wertschätzende Kritik dem eigenen Wachstum. Nur durch wertschätzendes Feedback können wir unsere blinden Flecken erkennen und an ihnen arbeiten.

Augenscheinlich gibt es im Business keine Schiedsrichter und sie sind auch nicht erwünscht. Dafür brauchen Unternehmen Vorbilder und Multiplikatoren, um Unternehmenskultur vorzuleben und zu bewahren und den Unternehmenserfolg zu sichern.

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Britta Balogh
Britta Balogh ist seit über 20 Jahren selbstständig. Als Karrierecoach, Speakerin und Autorin unterstützt sie Führungskräfte, die auf ihrem beruflichen Weg vorankommen wollen. Ihr Label lautet ebenso wie der Titel ihres Ratgebers: „Benimm ist in!“ Darin beschreibt sie, wie Business-Etikette, Kommunikation und Soft Skills die Karriere beflügeln. In ihren Blogbeiträgen untersucht sie die Kommunikation in Unternehmen und gibt Hinweise für Führungskräfte und Personalentwickler. Foto: © David Sonntag

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