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Bluff, Blasen, Pleiten – in unschöner Regelmäßigkeit lesen wir von Fällen, in denen Unternehmer scheitern, weil sie nicht ehrlich gewirtschaftet haben. Auf diese Fälle folgt ebenso regelmäßig die Ankündigung einer „Renaissance der Werte“, die dann regelmäßig ausbleibt. Zumindest in der Welt der Konzerne. Der deutsche Mittelstand indes pflegt seine eigene Ethik der Pflicht – und fährt damit sehr erfolgreich.

Abseits der öffentlichen Erregung über gewissenlose Blender und Zocker in der Konzernwelt arbeiten hierzulande viele Tausend Mittelständler ehrlich, erfolgreich und vor allem pflichtbewusst. Über 90 Prozent der Unternehmen zählen zu den KMU, und mehr als zwei Drittel der Arbeitnehmer sind hier tätig. Über die meisten von ihnen wird selten berichtet. Die meisten von ihnen richten sich nicht nach den gängigen Management-Empfehlungen zu Steuerung, Strategie, Management und Führung, sie ignorieren die jüngsten Losungen der Business-Gurus und scheren sich nicht um Management-Modetrends mit wohlklingenden Markennamen und über‘s Knie gebrochenen Herleitungen. So kommt es immer wieder zu dem Befund: Mittelständler sind erfolgreich, obwohl sie – oder weil sie – vieles anders machen. Doch was genau machen sie anders?

Pflichtgefühl, Leidenschaft und Fleiß

Nicht die Zahlen stehen bei Mittelständlern im Mittelpunkt, sondern eine sehr eigenwillige Balance von emotionaler Zusammenarbeit und klarer Analyse, von visionärer Kraft und praktischer Intelligenz – im Kern getrieben starken Werten und von einem überaus starken Sinn für eine Tugend, die uns heute geradezu altmodisch vorkommt: die Pflicht. Ob es nun schwäbische, hanseatische, bayerische oder preußische Tugenden sind, die bei hiesigen Mittelständlern wirksam werden, spielt keine große Rolle. Das Ergebnis ist immer ähnlich: Im Zentrum steht die Verpflichtung gegenüber Kunden, Mitarbeitern und gegenüber der eigenen Familie. Konkret heißt das Zuverlässigkeit, die Orientierung an der Aufgabe, Leidenschaft und Fleiß. Und umgekehrt heißt das: Kurzfristiges Profitstreben steht nicht im Mittelpunkt, ebenso wenig die Orientierung an schillernden Persönlichkeiten, das opportunistische Besetzen populärer Themen und die Inszenierung von Erfolg anstelle einer echten Leistung.

Jeden Tag Verantwortung tragen

„Um als Unternehmer zu bestehen, sind Gottvertrauen und Mut, Fleiß, Ausdauer, Sparsamkeit, Weitblick und ein starker Rückhalt in der Familie notwendig“, unterstreicht Heinrich Sülzle, Geschäftsführer der Stahlpartner-Sülzle GmbH. Er hält viel von den typisch schwäbischen Tugenden: „Diese Tugenden müssen wir uns bewahren, vor allem die Zuverlässigkeit“, so Sülzle. Allerdings ist er auch davon überzeugt, dass der Mittelstand noch stärker wäre, wenn er „Mut zu mehr Mut“ hätte.

Für Georg VI. Schneider verkörpert der deutsche Mittelstand heute vor allem die Werte „Leidenschaft und Fleiß“. Doch: „Bei aller Leidenschaft und allem Fleiß ist der Mittelstand meiner Meinung nach viel zu leidensfähig“, sagt der Geschäftsführer des Weisse Bräuhaus G. Schneider & Sohn. „Er duldet zu viel. Der typische Mittelständler ist sich seiner Stärke nicht genug bewusst. Er zettelt keine Revolution an, weil er sagt: „Ich habe keine Zeit, ich muss zum Kunden!‘“

Werte wachsen in schwierigen Zeiten

Viele mittelständische Unternehmen machen das, was die Generationen vor ihnen auch schon getan haben: Sie krempeln gemeinsam die Ärmel auf, wenn der „Karren aus dem Dreck“ gezogen werden muss. Sie suchen nach neuen Wegen, wenn es auf den alten nicht mehr weiter geht. Mit großem Erfolg. Und sie stellen sich den Spannungsfeldern, die im Hintergrund unserer Wirtschaft wirksam sind. Die Spannung zwischen

  • Innovation und Tradition,
  • Risiko und Sicherheit,
  • Vertrauen und Kontrolle,
  • Idealismus und Gewinn.

Eine wirklich werteorientierte Führung ist nur möglich, wenn sich Unternehmer, Führungskräfte und Mitarbeiter immer wieder bewusst machen, wie die Spannungsfelder aussehen, in denen sie sich bewegen. Auflösen lassen sie sich nicht! Heute mag es sinnvoll sein, eher in die eine Richtung zu entscheiden, morgen kann es wieder anders aussehen. Natürlich wäre es einfacher, wenn wir alles nach Schema F entscheiden könnten. Doch die Erfüllung unternehmerischer Pflicht ist naturgemäß nicht einfach, sondern eine große Herausforderung. Jeden Tag.

Unternehmer und Führungskräfte im deutschen Mittelstand nehmen diese Herausforderung an und werden ihrer Verantwortung immer wieder neu gerecht. Die meisten erfüllen diese Herausforderung mit Bravour – aber mit großer Bescheidenheit, so dass die Öffentlichkeit kaum Notiz davon nimmt. Wir sollten weniger nach der „Renaissance der Werte“ rufen und vielmehr die starke Haltung anerkennen, die in so vielen Unternehmen seit Generationen wirksam ist. Die Haltung: Mittelstand verpflichtet.

(Bild: © iStockphoto.com)

Dr. Dr. Cay von Fournier

Dr. Dr. Cay von Fournier ist aus Überzeugung Arzt und Unternehmer. Zu seiner Vision gehören möglichst viele gesunde Menschen in gesunden Unternehmen. Der in Medizin- und Wirtschaftswissenschaften promovierte Seminarleiter ist bekannt durch seine lebhaften und praxisrelevanten Trainings und Vorträge. SchmidtColleg ist unter seiner Leitung zu einer Unternehmensgruppe geworden, die sich der Vermittlung einer strategischen sowie ethischen und deshalb sehr erfolgreichen Unternehmensführung widmet.

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