Ehekrise, Frustkäufe, Schulden: Warum treffen wir falsche Entscheidungen?

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Manipulation ist die eigentliche Realität

Der Mensch, ob er manipuliert oder manipuliert wird, ist wohl doch nicht so bösartig, wie er sich manchmal geriert. Sein größtes Problem scheint zu sein, dass er sich für ein rational handelndes Wesen hält und diese Fata Morgana heftigst verteidigt. Das ist eigenartig. Wenn ich mich in dieser Welt umsehe, kann ich kaum erkennen, wo wir uns „rational“ verhalten. Was ich erkennen kann, sind jedoch Verhaltensmuster der Irrationalität, die immer wiederkehren und somit vorhersagbar sind. Nehme ich die sogenannten Realitäten um mich herum vielleicht nur noch durch die Brille eines eingebildeten Philosophen wahr? Durchaus nicht. Das, was ich sehe, ist auch da. Es entsteht nicht etwas erst in dem Augenblick, in dem ich meinen Blick darauf richte.

Zurück zu einigen Ursachen: Manipulation ist die eigentliche Realität und verursacht Schaden. 6,5 Millionen Menschen in Deutschland kommen mit ihrem Einkommen nicht mehr aus. Sind ergo hoch verschuldet. 228 Milliarden Schulden haben private Haushalte auf der Uhr. 6,7 Millionen Menschen bezogen in 2010 Hartz IV. Wir konsumieren trotzdem weiter. Warum? Weil wir uns so verhalten, wie es schon Vance Packard 1957 formuliert hat: „Werbung ist die Kunst, auf den Kopf zu zielen und die Brieftasche zu treffen.“ Sind wir wenigstens mündige Verbraucher? – Die Fakten sprechen im Moment dagegen.

Das Sein bestimmt das Bewusstsein

Bewusstsein ist eine seltsame Selbstverständlichkeit. Es ist ausgestattet mit einem Besitzer, der gleichzeitig Protagonist für seine Existenz ist. Es trägt ein selbst erschaffenes Bild der Welt in sich und ist ein Akteur – jederzeit bereit Überlegungen und Handlungen anzustoßen. Das Bewusstsein ist der Sitz des Verstandes. Der Gefühle. Der Erinnerungen. Kann man ihm trauen?

Erinnerung. Was ist das im Grunde ? Ich möchte Sie an dieser Stelle auf eine sehr merkwürdige Funktion unseres Gedächtnisses aufmerksam machen. Diese Funktion ist der Tatsache geschuldet, dass wir immer noch eine Spezies sind, deren Gehirne auf unmittelbare und schnelle Aktionen aus der momentan erlebten Umwelt reagieren. Großartig überlegen tun wir selten. Obwohl wir uns das immer zuschreiben. (Und das ist gut so. Schließlich wollen wir nicht den ganzen Tag mit Suizidabsichten herumlaufen.) Unser Gedächtnis funktioniert induktiv. Es fällt uns nämlich sehr viel leichter, aus Fakten eine plausible Geschichte zu machen, wenn wir den Eindruck haben, diese Fakten würden irgendwie zusammenhängen und eine konsistente Abfolge von Ursache und Wirkung ergeben.

Geschichten memorieren wir besser. Das trifft auf gute Geschichten zu – und auf schlechte gleichermaßen. Das Sein bestimmt das Bewusstsein – ist von Karl Marx und eigentlich in einem anderen Zusammenhang gemeint, aber besser kann man es kaum umschreiben. Wir neigen dazu, die Wirklichkeit rückwirkend erklärbar zu machen, indem wir Versatzstücke aus unserem Gedächtnis unbewusst so zusammenstellen, dass sie einen Sinn ergeben. Einen Sinn, der das Jetzt und Hier erklärbar macht und der uns Trost für die Zukunft gibt. Nein – es ist doch alles nicht so schlecht. Ich kann es mir mindestens erklären. Nichts ist schlimmer als Verwirrung. Verwirrung führt zu Unsicherheit und zu Stress. Unsere Reaktionen sind dann gleichfalls panikartig – der Teufelskreis ist in Gang gesetzt. Ob diese Funktion des Gedächtnisses quasi „eingebaut“ ist – oder tatsächlich noch aus unserer Vorzeit stammt – dass wird kein Wissenschaftler jemals erkunden können. Aber sie ist überwiegend ein sehr guter Mechanismus, der uns dabei hilft, die Kakofonie zu verarbeiten. Wir würden sonst verrückt.

(Es handelt sich hier um einen Auszug aus dem Buch “Ich mache doch, was ich nicht will” von Wolf Erhardt. Erhältlich ist es ab sofort u.a. im Unternehmer.de-Buchshop)

(Bild: © Alexey Klementiev – Fotolia.de)

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