Bei Mercedes-Benz ist Schluss mit der großzügigen Heimarbeit. Der Stuttgarter Autobauer hat seine bestehende Konzernbetriebsvereinbarung zum mobilen Arbeiten aufgekündigt und will künftig vier Tage Büropräsenz pro Woche zum Standard machen. Wie die „Wirtschaftswoche“ zuerst berichtete, informierte der gesamte Vorstand die Belegschaft am Dienstag per E-Mail über die geplante Verschärfung. Konkret soll die neue Regelung Vorgesetzten erlauben, Vollzeitbeschäftigten bis zu vier Anwesenheitstage wöchentlich vorzuschreiben – ohne dafür eine Begründung liefern zu müssen. Ausnahmen seien in besonderen Fällen weiterhin möglich und würden individuell zwischen Führungskraft und Mitarbeiter geklärt. Bevor die Neuregelung greift, müssen allerdings noch die Betriebsratsgremien an den einzelnen Standorten zustimmen. Geben sie grünes Licht, tritt die neue Vereinbarung voraussichtlich am 1. Januar 2027 in Kraft.

unternehmer.de zu Google hinzufügen

Mehr News aus der Wirtschaft findest du am Ende dieses Beitrags.

Källenius wollte das Homeoffice komplett abschaffen

Dass es überhaupt noch einen Tag Heimarbeit pro Woche gibt, dürfte manchen im Vorstand ärgern. Denn Konzernchef Ola Källenius hatte im Sommer die oberste Führungsebene darüber in Kenntnis gesetzt, dass er eine vollständige Rückkehr an fünf Tagen pro Woche anstrebt – das mobile Arbeiten sollte also komplett Geschichte sein. Damit konnte er sich offenbar nicht durchsetzen.

Für den Betriebsrat war die Situation dennoch alles andere als komfortabel. Die Kündigung der alten Vereinbarung setzte die Arbeitnehmervertreter massiv unter Druck: Ohne neue Regelung hätte es nach einer Übergangsfrist von sechs Monaten keinerlei Anspruch auf Homeoffice mehr gegeben. Viele Betriebsräte hätten den Kompromiss daher „zähneknirschend“ akzeptiert, berichtete die „Wirtschaftswoche“ unter Berufung auf einen Arbeitnehmervertreter. Die Alternative – null Tage mobiles Arbeiten – wäre schlicht die schlechtere Option gewesen.

Sparprogramm mit Ansage

Die verschärften Präsenzregeln stehen nicht isoliert da, sondern sind Teil einer umfassenden Produktivitätsoffensive, die der Vorstand Ende Juni ausgerufen hat. Mercedes kämpft seit geraumer Zeit mit rückläufigen Verkaufszahlen und schrumpfenden Gewinnen. Besonders die Arbeitskosten an den deutschen Standorten hält das Management im internationalen Vergleich für zu hoch.

Der Konzern will deshalb an mehreren Stellschrauben gleichzeitig drehen: Neben der Homeoffice-Einschränkung steht die Abschaffung der 35-Stunden-Woche in der Produktion im Raum – mehr Arbeit für das gleiche Geld, um die Stückkosten zu senken. Auch bei Weihnachts- und Urlaubsgeld drohen Einschnitte. Die Belegschaft reagiert auf diese Pläne mit heftigem Widerstand, Betriebsräte wehren sich entschieden gegen das Gesamtpaket.

Dass ausgerechnet die Homeoffice-Frage vergleichsweise geräuschlos über die Bühne ging, dürfte auch daran liegen, dass der Betriebsrat seine Kräfte für den Kampf um die Wochenarbeitszeit aufsparen will.

Halbleere Büros als Dauerzustand

Dass der Vorstand so entschlossen durchgreift, hat auch mit ernüchternden Zahlen zu tun. Laut Konzernkreisen war die Anwesenheitsquote in den Büros zeitweise auf rund 50 Prozent abgesackt. Einige Beschäftigte sollen praktisch überhaupt nicht mehr am Arbeitsplatz erschienen sein. „Ich glaube, dass wir Einzelne im Homeoffice verloren haben“, räumte Arbeitsdirektorin Britta Seeger laut „Handelsblatt“ ein.

Die bisherige Betriebsvereinbarung aus dem Jahr 2016 hatte theoretisch sogar eine komplette Woche Heimarbeit ermöglicht – ein festes Limit für Homeoffice-Tage existierte schlicht nicht. Was während der Pandemie als Stärke galt, wurde aus Sicht des Managements zunehmend zum Problem. Seeger setzt nun auf den Effekt, den die Führungskräfte bereits seit Anfang 2025 vorleben: Diese müssen seither an allen fünf Wochentagen präsent sein. „Die Zusammenarbeit ist qualitativ viel besser geworden, einfach weil wir uns mehr sehen und spontan treffen können“, so die Arbeitsdirektorin.

Kein Einzelfall – aber auch kein Erfolgsrezept

Mercedes steht mit seinem Kurswechsel nicht allein da. Auch die Deutsche Bahn zieht die Zügel an und plant eine verstärkte Anwesenheitspflicht für ihre Mitarbeitenden. In der Berliner Konzernzentrale sollen künftig drei Bürotage pro Woche gelten, bei der Regionaltochter DB Regio ist das bereits Realität.

Ob die erzwungene Rückkehr an den Schreibtisch tatsächlich die erhofften Produktivitätsgewinne bringt, ist allerdings fraglich. Eine Untersuchung der Universität Pittsburgh aus dem Jahr 2024, die die 500 wertvollsten US-Unternehmen analysierte, kam zu einem ernüchternden Ergebnis: Firmen schränken Heimarbeit vor allem dann ein, wenn sie wirtschaftlich unter Druck stehen – etwa um Handlungsfähigkeit zu demonstrieren. Die finanzielle Lage der betroffenen Unternehmen verbesserte sich durch die Maßnahme jedoch nicht in nennenswertem Umfang.

Hier kannst du mehr Wirtschaftsnachrichten lesen:

Felix Schneider

Felix Schneider ist seit November 2024 bei Unternehmer.de. Nach seinem Studium der Buch- und Medienwirtschaft in Leipzig und einem ersten Exkurs in den Onlinejournalismus beim PRINZ-Magazin entschied er sich, in der Messestadt zu bleiben. Heute ist er SEO & Autor für Unternehmer.de, News.de und Qiez.de. Hier schreibt er vor allem über neue Technologien wie KI und gibt Insights in die Perspektiven der Gen Z. Auch auf X und LinkedIn zu finden.

Der Artikel hat dir gefallen? Gib uns einen Kaffee aus!