42 Milliarden Dollar Verlust in einem einzigen Jahr – und trotzdem soll der Börsengang alle bisherigen Rekorde sprengen. Der Claude-Entwickler Anthropic peilt bei seinem geplanten Debüt an der Börse eine Bewertung von mehr als zwei Billionen Dollar an. Das geht aus einem bislang vertraulichen Börsenprospekt hervor, den die Nachrichtenagentur Reuters einsehen konnte. Das erst vor fünf Jahren gegründete KI-Unternehmen will dabei sogar den spektakulären SpaceX-Börsengang übertreffen und bis zu 100 Milliarden Dollar einsammeln. Elon Musks Raumfahrtfirma hatte bei ihrem Debüt 86 Milliarden Dollar erlöst – der bisherige Spitzenwert lag beim saudi-arabischen Ölriesen Aramco mit 29 Milliarden Dollar im Jahr 2019. Die nun durchgesickerten Zahlen zeichnen jedoch ein deutlich nüchterneres Bild als die optimistischen Umsatzmeldungen der vergangenen Monate. Beinahe ein Drittel des gesamten Prospekts befasst sich laut „Financial Times“ ausschließlich mit Risikofaktoren.
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Zwölffacher Umsatz, doppelter Verlust
Die Erlöse von Anthropic haben sich 2025 im Vergleich zum Vorjahr verzwölffacht und erreichten knapp 4,6 Milliarden Dollar. Doch das Wachstum verschlingt weit mehr, als es einbringt: Der operative Fehlbetrag kletterte von rund drei Milliarden auf über acht Milliarden Dollar. Der auf den ersten Blick schwindelerregende Nettoverlust von 42 Milliarden Dollar relativiert sich allerdings bei genauerem Hinsehen.
Rund 34 Milliarden davon gehen auf einen reinen Buchungseffekt zurück – frühere Finanzierungsrunden mussten wegen des gestiegenen Unternehmenswerts höher bewertet werden. Tatsächlich abgeflossen ist dieses Geld nicht. Dennoch bleibt die Gewinnzone nach Börsenstandards in weiter Ferne. Bewertungsexperte Aswath Damodaran von der New York University mahnte laut „Handelsblatt“ zur Skepsis gegenüber den von Anthropic kommunizierten Umsatzkennziffern.
Eine halbe Billion für Rechenzentren – bei 20 Milliarden in der Kasse
Die geplanten Investitionen sprengen jede gewöhnliche Dimension: Insgesamt 518 Milliarden Dollar will Anthropic in den kommenden Jahren für Cloud-Dienste, Chips und Rechenzentren ausgeben. Dem stehen laut dem Börsenprospekt gerade einmal rund 20 Milliarden Dollar an liquiden Mitteln und kurzfristigen Anlagen gegenüber – die langfristigen Verpflichtungen übersteigen diesen Betrag also um das 25-Fache.
Schon 2025 explodierten die Kosten für Rechenkapazitäten und Infrastruktur auf 7,33 Milliarden Dollar – dreimal so viel wie im Vorjahr. Allein dieser Posten machte mehr als die Hälfte der gesamten Betriebskosten von 12,7 Milliarden Dollar aus. Die Schere zwischen Einnahmen und Ausgaben klafft damit immer weiter auseinander, während das Unternehmen im KI-Wettrüsten mit OpenAI und anderen Rivalen mithalten muss.
Wenn die größten Kunden zur Konkurrenz gehören
Besonders heikel ist die extreme Abhängigkeit von wenigen Abnehmern: Knapp ein Viertel der gesamten Erlöse entfiel 2025 auf lediglich zwei Kunden. Laut „Heise Online“ handelt es sich dabei um das KI-Programmierwerkzeug Cursor und Microsofts GitHub Copilot – beides Produkte, die im direkten Wettbewerb mit Anthropic stehen. Pikant: Cursor wurde im Sommer von Elon Musks SpaceX übernommen, sodass beide Großkunden nun fest im Lager der KI-Konkurrenz verankert sind.
Langfristige Verträge existieren dem Prospekt zufolge nicht. Hinzu kommt eine weitere Verflechtung: Amazon und Google fungieren gleichzeitig als Großinvestoren, Cloud-Lieferanten und Umsatzbringer des Unternehmens. Diese Mehrfachrolle der wichtigsten Geschäftspartner dürfte potenzielle Anleger vor dem Börsengang besonders beschäftigen.
Sieben Gründer, eine Aktie, die absolute Macht
Auch die Kontrollstruktur des Unternehmens dürfte Investoren aufhorchen lassen. Die sieben Mitgründer um CEO Dario Amodei und seine Schwester Daniela, die den Verwaltungsrat leitet, sichern sich über eine eigens geschaffene „Founder LLC“ die Kontrolle über Anthropic. Diese Gesellschaft hält dem „Handelsblatt“ zufolge eine einzige Aktie der Klasse F, die per Mehrheitsbeschluss der Gründer gesteuert wird – und satte 50,1 Prozent sämtlicher Stimmrechte bündelt.
Zusätzlich existiert ein sogenannter Long-Term Benefit Trust, ein Treuhändergremium ohne eigene Kapitalbeteiligung, das langfristig die Mehrheit der Verwaltungsratssitze bestimmt. Anthropic ist als Public Benefit Corporation organisiert und damit verpflichtet, neben der Rendite auch einen Gemeinwohlzweck zu verfolgen.
Die eigene KI als Gefahr für die Menschheit
Ungewöhnlich schonungslos geht Anthropic im Prospekt mit den Risiken der eigenen Technologie um. Beinahe ein Drittel des gesamten Dokuments katalogisiert potenzielle Gefahren – darunter die Fähigkeit immer leistungsfähigerer KI-Modelle, Menschen zu manipulieren, zu erpressen oder sich schlicht unberechenbar zu verhalten. Die eigene Technik könne „existenzielle Risiken für die Menschheit“ bergen, warnt das Unternehmen. Interne Tests hätten Modelle offenbart, die Programmcode sabotieren, bei Betrug assistieren und Informationen fälschen.
Firmenchef Dario Amodei forderte die KI-Branche zuletzt auf, bei der Einführung neuer Fähigkeiten das Tempo zu drosseln. Gleichzeitig veröffentlichte Anthropic erst vergangene Woche sein neues Modell Opus 5.5 – als direkte Antwort auf OpenAIs GPT-6 Astra. Der Börsengang selbst soll voraussichtlich nach den US-Zwischenwahlen Anfang November über die Bühne gehen.
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