Die Industriestaatenorganisation OECD blickt deutlich zuversichtlicher auf die deutsche Wirtschaft als noch vor wenigen Monaten. In ihrem am Mittwoch veröffentlichten Wirtschaftsausblick prognostiziert sie für 2026 ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 1,1 Prozent. Damit liegt die Einschätzung um 0,4 Prozentpunkte über der Juni-Prognose. Für 2027 bleibt die Erwartung mit ebenfalls 1,1 Prozent unverändert. Auch für den Euroraum und die globale Wirtschaft schraubte die in Paris ansässige Organisation ihre Vorhersagen nach oben. Im Euroraum rechnet sie mit einem Plus von 1,0 Prozent, weltweit mit 2,9 Prozent Zuwachs. Allerdings fällt der Ausblick für 2027 etwas verhaltener aus als noch im Sommer. „Das globale Wachstum hat sich besser gehalten als erwartet, doch die Puffer, die den Energieschock abgefedert haben, gehen zur Neige“, warnte OECD-Generalsekretär Mathias Cormann
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KI-Boom und Verteidigungsausgaben treiben die Konjunktur
Hinter dem optimistischeren Ausblick stehen vor allem zwei Faktoren. Zum einen zog der Export in der ersten Jahreshälfte unerwartet kräftig an. „Im ersten Halbjahr 2026 sind die Exporte überraschend stark gestiegen, was unter anderem an der steigenden Nachfrage nach elektronischen Produkten und Ausrüstungen im Zuge des KI-Booms liegt“, erklärte OECD-Experte Robert Grundke gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. Diese Nachfrage werde voraussichtlich auf hohem Niveau verharren.
Zum anderen wirken die wachsenden staatlichen Ausgaben für Verteidigung und Infrastruktur als Konjunkturmotor. „Auch die steigenden öffentlichen Investitionen in Verteidigung und Infrastruktur haben zur konjunkturellen Erholung beigetragen“, so Grundke. Zusätzlich verwies die OECD auf Fortschritte bei der Vereinfachung von Planungs- und Genehmigungsverfahren sowie im öffentlichen Vergabewesen. Diese Reformen verbesserten die Aussichten auf einen zügigeren Ausbau der Infrastruktur.
Iran-Krieg und Extremwetter bedrohen den Aufschwung
Dennoch versah die OECD ihre Prognose mit deutlichen Warnhinweisen. Der bewaffnete Konflikt in der Golfregion bleibt das größte Risiko für die wirtschaftliche Erholung. Angriffe auf Handelsschiffe und die Blockade der Straße von Hormus belasten die globalen Energiemärkte massiv.
„Eine längere Dauer oder eine weitere Eskalation des Konflikts im Nahen Osten würde zu höheren Energiepreisen und einem stärkeren Preisauftrieb sowie Vertrauensverlusten führen, was den privaten Konsum und Investitionen belasten würde“, mahnte OECD-Expertin Isabell Koske. Verschärfend komme hinzu, dass die europäischen Gasspeicher derzeit unter dem Durchschnitt der vergangenen zwei Jahre lägen.
Neben der geopolitischen Lage droht auch das Klimaphänomen El Niño die Erholung zu gefährden. Ein besonders starker Verlauf könnte Ernteausfälle verursachen, Lieferketten stören und die Lebensmittelpreise in die Höhe treiben. Laut OECD dürfte das Wetterphänomen gegen Jahresende seinen Höhepunkt erreichen und bis 2027 nachwirken.
OECD drängt auf Abbau von Bürokratie und Meisterpflicht
Trotz der verbesserten Aussichten mahnte die Organisation tiefgreifende Reformen an. „Auch wenn sich die Konjunkturaussichten verbessert haben, ist es wichtig, die notwendigen Strukturreformen voranzubringen, um das langfristige Wachstumspotential der deutschen Volkswirtschaft zu verbessern“, betonte Grundke.
Konkret fordert die OECD den Abbau von Wettbewerbshürden und übermäßiger Bürokratie, um Unternehmensgründungen und Investitionen zu erleichtern. Auch die Meisterpflicht in zahlreichen Handwerksberufen steht auf der Liste der zu beseitigenden Marktzugangsbeschränkungen. Die Digitalisierung staatlicher Verwaltungsprozesse müsse beschleunigt werden.
Darüber hinaus empfehlen die Pariser Ökonomen Korrekturen am Steuer- und Sozialsystem. Dazu zählen eine Überarbeitung des Ehegattensplittings, die Begrenzung von Minijobs auf Schüler und Studierende sowie die Umsetzung der geplanten Sozialstaatsreform. Eine geringere Abgabenlast auf Arbeitseinkommen könne den Fachkräftemangel lindern – finanziert durch den Wegfall von Steuerprivilegien.
Weltwirtschaft verliert an Tempo – Inflation in Deutschland steigt
Für die globale Konjunktur rechnet die OECD 2026 mit einem Zuwachs von 2,9 Prozent, der sich 2027 leicht auf 3,0 Prozent erholen soll. Die US-Wirtschaft dürfte um 2,2 Prozent wachsen, bevor sie 2027 auf 2,1 Prozent zurückfällt. Chinas Expansion schwächt sich den Prognosen zufolge von 4,5 auf 4,2 Prozent ab. Besonders hart trifft es Saudi-Arabien: Nach einem Plus von 4,6 Prozent im laufenden Jahr erwartet die OECD dort einen Einbruch um 1,8 Prozent.
Beim Thema Teuerung zeichnet sich für Deutschland ein besorgniserregender Trend ab. Die Organisation prognostiziert für 2026 eine Inflationsrate von 2,5 Prozent – die sich 2027 entgegen dem weltweiten Trend sogar auf 2,9 Prozent beschleunigen soll. Ursache sind vor allem die gestiegenen Rohstoffpreise infolge der Spannungen in der Golfregion. Weltweit dürfte die Teuerung laut OECD hingegen im kommenden Jahr nachlassen.
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