Wer die Nachrichten aus dem Silicon Valley oder Peking verfolgt, reibt sich oft die Augen: Gigantische Rechenzentren, Billionen-Investments und disruptive Modellreleases jagen sich im Wochentakt. Und Europa? Hierzulande dominieren Bürokratie, fragmentierte Märkte und das Gefühl, technologisch ins Hintertreffen zu geraten. Eine hochkarätige Allianz aus Top-Ökonomen, Politikern und KI-Experten hat nun eine fulminante „Transformative-AI-Strategie“ vorgelegt, die aufrütteln soll. Mit dabei sind ifo-Präsident Clemens Fuest, Sachverständigenrat-Vorsitzende Monika Schnitzer, Wirtschaftsnobelpreisträger Philippe Aghion sowie die frühere dänische EU-Kommissarin Margrethe Vestager. Ihr Kernbefund: Ohne radikales Umsteuern ab diesem Jahr wird Europa zum digitalen Vasallen US-amerikanischer und chinesischer Tech-Giganten.
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Warum die Experten schrumpfende Margen sehen
Die Bestandsaufnahme der Studienautoren ist offenkundig als Weckruf für die europäische Tech-Szene zu verstehen. So erwirtschaften europäische Modellentwickler zusammen weniger als 2 Prozent des Umsatzes von nur zwei US-amerikanischen Konkurrenten. Hinzu kommt ein enormer Energiehunger, denn allein bis 2030 benötigt Europa schätzungsweise 45 Gigawatt an zusätzlicher Energie für Rechenzentren. Kostenpunkt allein dafür: rund 1,3 Billionen Euro – Summen, die europäische Unternehmen im Alleingang niemals stemmen können.
Auch bei der Rechenleistung hinkt der Kontinent weit hinterher, da Europas Anteil an der weltweiten KI-Rechenzentrumskapazität aktuell bei mickrigen 5 Prozent liegt. Ziel der Strategie ist es, diesen Wert bis 2030 auf 15 Prozent hochzuschrauben. „Europäische Modellentwickler […] und der Ausbau von Datenzentren sind im internationalen Vergleich ungenügend“, warnt ifo-Chef Clemens Fuest. Insgesamt bedrohe dieser Status quo den Wohlstand, die Souveränität und die Sicherheit aller Europäer.
„Wir dürfen nicht zum Spielfeld werden“
Margrethe Vestager, die in ihrer Zeit als EU-Wettbewerbskommissarin jahrelang den Big Techs auf die Finger schaute, findet in dem Papier gewohnte Deutlichkeit und betont, man dürfe nicht zulassen, dass Europa zum Spielfeld ausländischer Mächte wird. Überall in der Union würden Regierungen KI entweder nicht ernst genug nehmen oder sich auf andere Prioritäten konzentrieren. Einerseits hält Europa einige Trümpfe in der Hand: Etwa den Lithografie-Weltmarktführer ASML, starke Tech-Talente und einen großen Binnenmarkt. Allerdings verlieren diese traditionellen Stärken umso rasanter relativ an Wert, je stärker KI die globale Wirtschaft dominiert.
Da der Aufbau einer komplett eigenständigen, konkurrenzfähigen europäischen Spitzen-KI extrem teuer ist, plädiert die Strategie zweigleisig: Einerseits muss sich Europa verlässlichen Zugang zu globalen Spitzen-Modellen sichern, andererseits den Ausbau der Infrastruktur im eigenen Land massiv beschleunigen.
Der 5-Punkte-Plan der Ökonomen
Die Strategie liefert über 40 konkrete Handlungsempfehlungen. Die fünf wichtigsten Hebel für EU-Kommission und Mitgliedstaaten sind:
- Allianz für sichere Lieferketten: Die europäischen Engpässe in der KI-Hardware-Produktion müssen strategisch gebündelt und abgesichert werden.
- Institutionen fit machen: Top-KI-Expertise muss direkt in die europäischen Behörden geholt werden, um mit der Innovationsgeschwindigkeit Schritt zu halten.
- Rechenzentren „auf europäische Art“: Der Bau von Rechenzentren im Eiltempo soll erleichtert werden – gekoppelt an die Bedingung, dass lokale Communities messbar davon profitieren.
- Krisen-Resilienz: Schutzschilde gegen systemische Risiken (wie KI-gestützte Cyberangriffe oder biologische Bedrohungen) müssen aufgebaut werden.
- Prüf- und Sicherungstechnologie: Europa soll zum globalen Innovationsführer für nachweisbar sichere KI-Hardware und Compliance-Tools avancieren.
Die Ökonomen machen unmissverständlich klar: Es mangelt nicht an Analysen, sondern an der politischen Umsetzung. „Von Washington bis Peking behandelt jede andere Großmacht KI mit der Ernsthaftigkeit, die ihr zusteht“, mahnt Nobelpreisträger Philippe Aghion. Wenn Europa jetzt zögert, droht die Rolle rückwärts zum digitalen Entwicklungsland.
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