Gut sechs Wochen vor dem offiziellen Start der Heizsaison steckt Deutschland in einer unbequemen Lage. Die rund 40 Gasspeicher des Landes sind derzeit nur zu etwa 55 Prozent gefüllt – rund 19 Prozentpunkte unter dem Vorjahreswert. Das markiert laut dem Gasspeicherverband INES den niedrigsten Stand zu diesem Zeitpunkt seit Beginn der Aufzeichnungen vor 15 Jahren. Gesetzlich sollen die meisten Speicher zum 1. November mindestens 80 Prozent erreichen. Technisch möglich sind nach Berechnungen des Verbands aber höchstens noch 77 Prozent – und selbst dafür müsste das Befüllungstempo drastisch anziehen. In den verbleibenden Wochen bis November wäre mehr Gas einzulagern als in den gesamten drei Monaten zuvor. Für Millionen Haushalte und Betriebe, die mit Gas heizen, wird es damit höchste Zeit, sich auf einen teuren Winter einzustellen.

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Warum niemand Gas einspeichern will

Der Grund für die mageren Reserven liegt auf dem Energiemarkt – genauer gesagt im Nahen Osten. Seit dem Iran-Krieg und der Sperrung der Straße von Hormus haben sich die europäischen Großhandelspreise mehr als verdoppelt. Eine Megawattstunde kostet aktuell über 70 Euro, vor dem Konflikt waren es rund 30 Euro. Das zerstört das klassische Geschäftsmodell der Gashändler. Normalerweise kaufen sie im Sommer günstig ein und verkaufen im Winter mit Aufschlag. Doch der sogenannte Sommer-Winter-Spread ist derzeit teilweise negativ – Erdgas für den kommenden Winter ist also billiger als das, was jetzt eingelagert werden müsste. Wer heute speichert, riskiert Verluste.

Die Folge: Gasfirmen lassen trotz größerer Kapazitäten einen Teil ihrer bezahlten Lagerplätze schlicht ungenutzt. INES-Geschäftsführer Sebastian Heinermann fordert deshalb politische Unterstützung: „Die Speicherbefüllung muss wirtschaftlich tragfähig sein, damit sie von Marktakteuren auch tatsächlich realisiert werden kann.“

Im Januar könnte es richtig eng werden

Reichen 77 Prozent für den Winter? Das hängt vom Wetter ab. Bei durchschnittlichen Temperaturen wäre die Versorgung gesichert – Anfang April lägen die Reserven laut INES-Berechnungen noch bei rund 38 Prozent. Fällt der Winter jedoch extrem kalt aus wie zuletzt 2010, sieht es düster aus: Bereits im Januar könnten an einzelnen Tagen erhebliche Fehlmengen auftreten, im Februar wären die Speicher schlimmstenfalls komplett leer.

Allerdings decken Speicher ohnehin nur etwa ein Viertel des winterlichen Gasbedarfs – drei Viertel stammen aus laufenden Importen über Pipelines und LNG-Terminals. Leere Tanks bedeuten also nicht automatisch kalte Wohnungen. Im Ernstfall greift zudem eine klare Rangordnung: Private Haushalte, Krankenhäuser und Pflegeheime würden vorrangig beliefert. Industriebetriebe müssten zuerst drosseln – die Bundesnetzagentur würde die Verteilung steuern.

Berlin schaut zu – und verweist auf den Markt

Das Bundeswirtschaftsministerium von Katherina Reiche (CDU) sieht bislang keinen Grund zum Eingreifen. Die Wintervorsorge bleibe Sache des Marktes, so die offizielle Linie. Man verweist auf die ausgebaute Infrastruktur: neue LNG-Terminals an den Küsten und Pipeline-Verbindungen nach Norwegen machten die Versorgung flexibler.

Staatliche Gaszukäufe wären theoretisch möglich, würden die ohnehin hohen Preise aber weiter nach oben treiben – auf Kosten der Steuerzahler oder Gaskunden. Andreas Goldthau von der Universität Erfurt erklärt gegenüber „BR24“: „Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es keine gute Option mehr für politische Maßnahmen.“ Auch die geplante strategische Gasreserve hilft nicht: Sie soll erst ab kommendem Sommer über zwei bis drei Jahre aufgebaut werden. Für diesen Winter kommt sie zu spät.

Was Gaskunden jetzt tun sollten

Die gestiegenen Großhandelspreise schlagen bereits durch: Neukunden zahlen laut Finanztip derzeit rund zwölf Cent pro Kilowattstunde – Anfang 2026 waren es noch neun Cent. Bei einem typischen Jahresverbrauch von 15.000 Kilowattstunden bedeutet das Mehrkosten von etwa 450 Euro. Wer noch eine laufende Preisgarantie hat, ist vorerst geschützt – sollte aber den Ablauf im Blick behalten.

Beim Tarifvergleich raten die Verbraucherzentralen zur Vorsicht: Bonuszahlungen aus der Berechnung nehmen, auch nicht direkt buchbare Angebote anzeigen lassen und den Filter „hohe Kundenempfehlung“ deaktivieren – denn empfohlen werden nur provisionspflichtige Anbieter. Langfristig bleibt der wirksamste Schutz vor Gaspreisschocks, gar kein Gas mehr zu brauchen – eine gute Hausdämmung und Wärmepumpen entkoppeln vom Gasmarkt.

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Felix Schneider

Felix Schneider ist seit November 2024 bei Unternehmer.de. Nach seinem Studium der Buch- und Medienwirtschaft in Leipzig und einem ersten Exkurs in den Onlinejournalismus beim PRINZ-Magazin entschied er sich, in der Messestadt zu bleiben. Heute ist er SEO & Autor für Unternehmer.de, News.de und Qiez.de. Hier schreibt er vor allem über neue Technologien wie KI und gibt Insights in die Perspektiven der Gen Z. Auch auf X und LinkedIn zu finden.

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