Bislang durften Informatiker sich hierzulande noch über gute Karrierechancen freuen: Noch im vergangenen Jahr berichtete eine Bitkom-Studie von der „viertgrößte[n] IT-Fachkräftelücke seit Beginn der Erhebung im Jahr 2009“. So war die Branche durch die hohe Nachfrage und Aussichten auf gute Gehälter extrem attraktiv. Noch immer verdienen Informatiker laut der Jobplattform Kununu im Schnitt etwa 56.600 Euro brutto, wobei Männer (Bruttogehalt: 57.900 Euro) durchschnittlich deutlich mehr verdienen als Frauen (Bruttogehalt: 52.100 Euro). Aber: Die Nachfrage nach Fachkräften geht zurück. Der Fachkräfte-Index des Personaldienstleisters Hays betrachtet quartalsweise die Nachfrage nach Fachkräften in verschiedenen Branchen in Deutschland. Für die IT-Branche meldet das Unternehmen einen Rückgang von 37 Prozentpunkten auf 59 Prozent.

Mehr zu ähnlichen Themen findest du am Ende dieses Beitrags.

IT-Sicherheitsexperten noch immer am stärksten gefragt

Die Branche liegt damit zwar noch deutlich über dem Gesamtindex von 36 Prozent, doch die Erhebung zeigt klar einen deutlichen Einbruch der Nachfrage. Im Vergleich zum Vorjahresquartal sind die Stellenangebote um 11 Prozent gesunken. Bedeutet: IT-Experten sind zwar weiterhin gefragt, werden allerdings deutlich stärker nach Schlüsselkompetenzen ausgewählt. Damit sinkt die Nachfrage zwar insgesamt, allerdings steigen die Chancen für spezialisierte Fachkräfte mit besonderen Qualifikationen.

Besonders gefragt sind laut dem Bericht von Hays IT-Security-Spezialisten mit einem Indexwert von 373 Prozent. Allerdings beobachtete Hays auch hier einen „außergewöhnlich“ starken Rückgang von 136 Prozentpunkten. Auch SAP-Entwickler sind mit 196 Prozent (-106 Prozentpunkte gegenüber dem Vorquartal) hoch im Kurs. Immerhin: Ein Nachfrageplus erfahren Datenbankentwickler, deren Index um 9 Prozentpunkte auf 322 Prozent ansteigt.

Für klassische entwicklungsnahe Rollen ist der Stellenmarkt extrem eingebrochen: Webentwickler fallen auf minus 42 Prozent, Java-Entwickler auf minus 36 Prozent und .NET-Entwickler auf minus 35 Prozent.

KI, wirtschaftliche Faktoren und Corona-Nachspiel

Diese Zahlen verdeutlichen einen fundamentalen Wandel: Der IT-Arbeitsmarkt wandelt sich vom Verkäufermarkt für Allrounder hin zu einem hochselektiven Markt für Spezialisten. Doch was sind die genauen Treiber dieser Entwicklung? Zum einen: Werkzeuge wie Github Copilot und generative KI übernehmen zunehmend Routineaufgaben im Coden. Unternehmen benötigen daher für Standard-Web- oder Javascript-Projekte schlichtweg weniger Personal als noch vor wenigen Jahren. Für ihre Projekte benötigen Unternehmen dann nur noch erfahrene Senior-Entwickler, die den generierten Code prüfen und die Architektur planen. Große Teams mit Junior- und Mid-Level-Entwicklern entfallen daher.

Gleichzeitig wirken sich makroökonomische Faktoren auf die Branche aus: Unternehmen sehen sich angesichts steigender Zinsen und allgemeiner Konjunkturschwäche gezwungen, IT-Budgets stärker unter die Lupe zu nehmen. Vorzeigeprojekte ohne unmittelbaren Return on Investment (ROI) werden entsprechend gestrichen. Investoren wiederum halten sich bei Startups und Tech-Unternehmen stärker zurück, wodurch die Unternehmen weniger Risikokapital erhalten.

Zudem kommt nun die Wirkung der Korrektur des Corona-Sonderbooms zum Vorschein: In den Jahren 2020 bis 2022 erlebte die Digitalisierung durch Remote-Work und E-Commerce einen beispiellosen Schub. In dieser Phase bauten viele IT-Abteilungen und Dienstleister vorausschauend ihr Personal stark auf. Inzwischen sind jedoch viele grundlegende Digitalisierungsprojekte der vergangenen Jahre abgeschlossen – bevor neue Großprojekte starten können, konsolidieren die Unternehmen nun ihre bestehenden Systeme.

Wie müssen Informatiker nun reagieren?

Die Restrukturierung des IT-Arbeitsmarktes erfordert nun ein Umdenken bei Fachkräften: Die Ära des Generalisten ist vorbei – insbesondere für Junior-Entwickler bedeutet das, dass solide Grundkenntnisse in verschiedenen Technologien den Berufseinstieg vorerst nicht mehr sichern können. Um die hohen Einstiegshürden der Unternehmen meistern zu können, müssen Einsteiger nun ab Tag eins spezialisiertes Fachwissen mitbringen.

Wer in strategischen Nischen verankert ist, spürt die Krise kaum: Die extrem hohe Nachfrage nach Security-Experten zeigt etwa, dass Risiko-Absicherung für Unternehmen immer relevanter wird. Fachkräfte mit entsprechendem Know-how bleiben jedoch Mangelware. Daraus ergeben sich Chancen: Wer sich auf diese oder ähnlich gefragte Nischen wie Datenbanksysteme oder SAP konzentriert, der sichert sich damit eine bessere Verhandlungsposition.

Neben speziellem Fachwissen bekommen auch Soft Skills wie Schnittstellenkommunikation, Projektmanagement und Risikobewertung mehr Gewicht, da die technische Umsetzung immer stärker automatisiert abläuft. Wer also neben reinem Können und Wissen noch die passenden interdisziplinären Kompetenzen mitbringt, erhöht seine Chancen auf einen Job deutlich.

Hier kannst du mehr zu ähnlichen Themen lesen:

Felix Schneider

Felix Schneider ist seit November 2024 bei Unternehmer.de. Nach seinem Studium der Buch- und Medienwirtschaft in Leipzig und einem ersten Exkurs in den Onlinejournalismus beim PRINZ-Magazin entschied er sich, in der Messestadt zu bleiben. Heute ist er SEO & Autor für Unternehmer.de, News.de und Qiez.de. Hier schreibt er vor allem über neue Technologien wie KI und gibt Insights in die Perspektiven der Gen Z. Auch auf X und LinkedIn zu finden.

Der Artikel hat dir gefallen? Gib uns einen Kaffee aus!

Kommentar hinterlassen