Seit dem 1. Juli müssen Händler für Pakete aus Nicht-EU-Staaten mit einem Warenwert unter 150 Euro eine pauschale Zollgebühr von drei Euro pro Warengruppe entrichten. Der neue EU-Zoll soll europäischen Anbietern fairere Wettbewerbsbedingungen verschaffen. Doch die Zahlen sprechen eine andere Sprache: Genau in diesem Zeitraum erreichen asiatische Plattformen wie Temu, Shein und AliExpress einen neuen Höchststand bei den Marktanteilen in Deutschland.

Nach aktuellen Erhebungen des Bundesverbands E-Commerce und Versandhandel (Bevh) entfielen im zweiten Quartal 5,3 Prozent aller Onlinehandelsumsätze auf diese drei Anbieter – ein Rekordwert. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum legten die Plattformen um mehr als 20 Prozent zu, während der Gesamtmarkt lediglich um 5,1 Prozent wuchs. Besonders im Modebereich ist die Dominanz ausgeprägt: Dort gehen inzwischen über 16 Prozent aller Bestellungen an Temu und Co.

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Was der neue EU-Zoll konkret bedeutet

Bisher konnten Händler Pakete mit einem Warenwert bis 150 Euro zollfrei direkt aus China an Kunden in der EU versenden. Diese Ausnahme stammt noch aus der Zeit vor dem Onlinehandel und wurde laut Verbraucherzentrale systematisch ausgenutzt. Manche Anbieter teilten Bestellungen gezielt auf, um Zollgebühren zu umgehen und Kontrollen zu erschweren.

Mit der neuen Regelung werden nun pauschal drei Euro pro Warengruppe fällig – und das kann sich summieren. Bestellst du beispielsweise drei T-Shirts, zahlst du drei Euro Zoll. Enthält dein Paket jedoch ein T-Shirt, einen Lippenstift und ein Spielzeug, fallen neun Euro an, weil jede Produktkategorie separat berechnet wird. Die Gebühr wird zunächst den Plattformen in Rechnung gestellt, doch Experten gehen davon aus, dass die Kosten an die Kundschaft weitergegeben werden.

Warum die Wirkung der Zollgebühr begrenzt bleibt

Die großen asiatischen Plattformen haben sich längst auf die neuen Regeln eingestellt. Statt Einzelpakete per Luftfracht direkt an Endkunden zu schicken, setzen sie verstärkt auf gebündelte Lieferungen per Containerschiff in europäische Lagerhäuser. Dort werden die Waren regulär verzollt und anschließend innerhalb der EU verteilt – die neue Pauschalgebühr greift dann nicht mehr.

Laut China-Tech-Analyst Ed Sander hat Temu bereits 2024 damit begonnen, Händler zur Nutzung europäischer Lager zu bewegen. Bis Ende 2025 wolle die Plattform rund 80 Prozent der in Europa verkauften Produkte lokal vorrätig haben. „Werden Waren in lokalen Lagern vorgehalten, kommen sie per Schiff in großen Sammelladungen und nicht einzeln per Luftfracht direkt zu den Kundinnen und Kunden“, erläutert Sander gegenüber „Euronews„. Das senke die Importkosten erheblich. Auch der Bevh bestätigt: Die Anbieter bauen bereits eigene Logistikstrukturen innerhalb Europas auf.

Einschätzungen von Branchenverbänden und Logistikern

Die DHL Group rechnet am Luftfrachtstandort Leipzig/Halle lediglich mit kurzfristigen Auswirkungen. Viele Bestellungen von Temu oder Shein liefen ohnehin nicht über das dortige Express-Drehkreuz, sondern gelangten per Seeschiff oder über Lager in Polen und Tschechien nach Europa. Der Flughafen selbst erwartet kurzfristig einen Rückgang des Frachtvolumens im unteren bis mittleren zweistelligen Prozentbereich – mittelfristig dürften sich die Lieferketten jedoch anpassen.

Der Handelsverband Deutschland bewertet die neue Gebühr als „sinnvolles Signal für mehr Chancengleichheit“. Allerdings betont der stellvertretende Hauptgeschäftsführer Stephan Tromp: „Die Zollgebühr gleicht lediglich einen finanziellen Wettbewerbsnachteil aus, sie kann eine wirksame Marktüberwachung nicht ersetzen.“ Unsichere Produkte, falsch deklarierte Waren und Verstöße gegen europäische Standards würden dadurch allein nicht vom Binnenmarkt ferngehalten.

Fazit: Differenzierung statt Preisregulierung

Die neue Zollgebühr wird den Vormarsch asiatischer Plattformen kaum aufhalten. Mit drei Euro pro Warengruppe bleibt der Aufpreis überschaubar – und die Anbieter umgehen ihn ohnehin zunehmend durch lokale Lagerhaltung. Der zentrale Wettbewerbsvorteil aus extrem niedrigen Preisen und enormer Produktauswahl bleibt bestehen, wie Georg Wittmann von ibi research an der Universität Regensburg betont.

Für Händler bedeutet das: Über Preisregulierung allein ist kein Boden zurückzugewinnen. Die Differenzierung gelingt über andere Faktoren – schnellere Lieferzeiten, verlässliche Prozesse und transparente Gesamtkosten im Checkout. Wer Preis- und Lieferversprechen als Gesamtangebot kalkuliert statt getrennt nach Ware und Versand, reduziert Reibungsverluste beim Kunden. Die Zollgebühr schafft bestenfalls eine kurze Atempause, keine strukturelle Wende im Wettbewerb mit den asiatischen Plattformen.

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