Durch die Straßen flanieren, bunte Lichter an Schaufenstern bewundern, mit der Familie durch Spielzeugläden schlendern – all das könnte bald für immer vorbei sein. Nicht mit einem Knall, sondern leise und schleichend verschwinden Shoppingmeilen und Einkaufszentren aus den deutschen Städten. Kein Wunder: Amazon hat seine Umsätze in den vergangenen 20 Jahren auf das über 80-fache der damaligen Zahlen angehoben. Und der Konzern ist nicht alleine – eine ganze Armee an Online-Shops sorgt dafür, dass der Einkaufsbummel in der Innenstadt langsam aber sicher ausstirbt. Zwei Drittel der deutschen kaufen Schuhe und Kleidung inzwischen vor allem online. Aber eigentlich steht auch eine ganz andere Ursache dahinter. Eine, die viel unsichtbarer ist. Gemeint ist die Zeit: Die wertvollste Ressource der Welt. Und die wird immer knapper – und lässt kaum Raum für Shopping-Touren.

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Internetshops haben die Perspektive verschoben

Früher war der Weg in die Innenstadt Teil des Kaufprozesses. Heute wissen Verbraucher, dass dieselbe Bestellung in 30 Sekunden erledigt werden kann. Das macht den Weg zur Einkaufsmeile für einen großen Teil der Bevölkerung – insbesondere der, der auf dem Land lebt – deutlich unattraktiver:

  • teils bis zu 45 Minuten Anfahrt
  • Parkplatzsuche
  • Schlangestehen im Geschäft, an Toiletten usw.

Nicht finanzielle Kosten, sondern Zeitkosten sorgen dafür, dass sich immer mehr Menschen zweimal überlegen, ob sie diese Zeit-Investition tätigen wollen. Der stationäre Handel konkurriert damit gegen eine nahezu friktionslose Alternative: Das Internet. Psychologisch gesprochen hat Amazon & Co. den Referenzpunkt verschoben. Der Kunde fragt nicht mehr: „Wo bekomme ich das Produkt?“, sondern vielmehr „Warum sollte ich dafür überhaupt das Haus verlassen?“

Menschen wollen immer noch in die Stadt – doch nicht für reinen Konsum

Während Einkommen im politischen und wirtschaftlichen Diskurs regelmäßig thematisiert werden, wird Zeit oft übersehen. Dabei erleben viele Menschen einen Alltag, der von Arbeitsverdichtung, permanenter Erreichbarkeit und zahlreichen Verpflichtungen geprägt ist. Zwischen Beruf, Familie, Haushalt und digitalen Ablenkungen bleibt immer weniger Raum für Aktivitäten, die keinen unmittelbaren Zweck erfüllen – etwa der Einkaufsbummel.

Das bedeutet nicht, dass Menschen keine Lust mehr auf Innenstädte haben. Im Gegenteil: Diejenigen Städte, die Besucher anziehen, zeigen, dass das Bedürfnis nach Begegnung, Atmosphäre und Erlebnis weiterhin groß ist. Menschen gehen gerne essen, treffen Freunde, besuchen Märkte, Konzerte oder Veranstaltungen. Sie suchen Orte, an denen etwas passiert. Immer seltener wird allerdings das Bedürfnis, sich in diesen Räumen auch dem Konsum zu widmen.

Wie gestaltet man Erlebnisse statt Konsum?

Darin liegt das eigentliche Missverständnis vieler Debatten über die Zukunft der Innenstädte. Noch immer wird häufig so diskutiert, als müsse der stationäre Handel den Onlinehandel schlagen. Doch dieser Wettbewerb ist längst entschieden. Das Internet wird bei Bequemlichkeit, Verfügbarkeit und Produktauswahl dauerhaft im Vorteil bleiben – ein praktisch unbesiegbarer Gegner. Interessanter ist die Frage: Wie kann man ohne reinen Konsum wieder für mehr Interesse an den Innenstädten sorgen?

Wer Innenstädte retten will, sollte sie weniger als Einkaufsorte und stärker als Lebensorte verstehen. Orte, an denen Menschen Zeit verbringen wollen, nicht weil sie etwas brauchen, sondern weil sie dort etwas erleben – eine Kugel Eis mit den Liebsten, ein guter Abend in der Bar, eine geführte Tour durch die Stadt. Soll heißen: Nur, weil es nicht mehr um reinen Konsum geht, muss das nicht heißen, dass kein Geld mehr ausgegeben wird.

Das Ziel lautet also: Den eigentlichen Zweck der Geschäftsräume überdenken – und diesem entsprechend neu gestalten. Möglicherweise erleben wir damit das Ende einer Vorstellung der Innenstadt als reiner Konsumtempel, doch daraus können auch lebenswerte und trotzdem lukrative Räume entstehen.

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