Bewerbungen verschicken, Lebensläufe anpassen, auf Antworten warten – und dann kommt nichts. Monatelange Stille. Immer mehr Jobsuchende machen diese frustrierende Erfahrung – Grund dafür sind sogenannte „Ghost Jobs“, die den Arbeitsmarkt inzwischen überschwemmen. Bei diesen Geisterstellen handelt es sich um Ausschreibungen, die Unternehmen veröffentlichen, obwohl sie gar nicht vorhaben, die Position tatsächlich zu besetzen. Die Anzeigen bleiben oft monatelang online, Bewerber erhalten keine Rückmeldung oder werden nach einem Vorstellungsgespräch einfach ignoriert. Auch auf Plattformen wie LinkedIn häufen sich die Berichte über solche Stellenanzeigen. Das Phänomen stammt ursprünglich aus den USA, hat aber längst auch den deutschen Stellenmarkt erreicht.
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Warum Firmen Fake-Stellen ausschreiben
Doch weshalb betreiben Unternehmen diesen Aufwand für Positionen, die sie gar nicht besetzen wollen? Die Motive sind vielfältig. Manchmal steckt schlicht Nachlässigkeit dahinter – beispielsweise ein Personaler, der vergessen hat, die Anzeige für die bereits befüllte Stelle wieder zu löschen. Einige Personalabteilungen nutzen die Anzeigen, um einen Vorrat an qualifizierten Kandidaten anzulegen – so können Sie, sobald tatsächlich Bedarf entsteht, auf bereits gesammelte Bewerbungen zurückgreifen.
Ein weiterer Grund ist die Imagepflege. Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten signalisieren offene Stellen Wachstum und Stabilität gegenüber der Öffentlichkeit. Einige Führungskräfte erstellen Fake-Stellenanzeigen gezielt, um überlastete Mitarbeiter zu beruhigen und zu signalisieren, dass das Team bald Verstärkung bekommt. Tatsächliche Entlastung? Fehlanzeige.
So entlarven Sie Geisterstellen
Fake-Anzeigen von echten Jobangeboten zu unterscheiden, ist nicht einfach. „Das Tückische an den Fakes ist, dass sie sich wenig bis gar nicht von ernst gemeinten Jobanzeigen unterscheiden“, erklärt Matthias Mölleney, Personalexperte der Hochschule für Wirtschaft Zürich gegenüber dem RND. Dennoch gibt es Warnsignale:
- Stellenanzeige ist länger als 30 Tage online
- Vage formulierte Aufgaben und Anforderungen
- Die Stelle taucht regelmäßig neu auf
- Es fehlt ein konkreter Ansprechpartner
- Die Anzeige erscheint ausschließlich auf Jobportalen, nicht auf der Unternehmenswebseite
Mölleney empfiehlt, in sozialen Netzwerken zu recherchieren. „In der Regel ist das Netzwerk so groß, dass es irgendjemanden gibt, der das entsprechende Unternehmen kennt und die Personalpraxis einschätzen kann.“ Auch Bewertungsplattformen wie Kununu oder Glassdoor können aufschlussreich sein.
Jede dritte Stellenanzeige könnte ein Phantom sein
Das Ausmaß des Problems ist beträchtlich. Experten schätzen, dass bis zu einem Drittel aller Stellenausschreibungen Ghost Jobs sein könnten. Eine Untersuchung des Finanzdienstleisters Clarify Capital unter 1.000 Managern ergab: Ein Fünftel gab an, ausgeschriebene Positionen nicht zeitnah besetzen zu wollen. Zehn Prozent hatten Stellen mindestens sechs Monate lang offengelassen. In Großbritannien ermittelte das Karriereportal StandOut CV, dass 2023 sogar mehr als ein Drittel aller Ausschreibungen Ghost Jobs waren.
Zeitfresser mit Folgen für die Psyche
Für Jobsuchende bedeuten Ghost Jobs vor allem eines: verschwendete Lebenszeit. Eine einzige Bewerbung kann mehrere Stunden verschlingen – Unternehmensrecherche, individuell angepasster Lebenslauf, Anschreiben und das Ausfüllen endloser Online-Formulare inklusive. Die Konsequenzen gehen jedoch weit über den Zeitverlust hinaus. Experten beobachten einen stetigen Anstieg von Burnout unter Arbeitssuchenden.
Wer dutzende Bewerbungen verschickt und nie eine Antwort erhält, fühlt sich schnell entmutigt und wertlos. „Es gibt wirklich negative Auswirkungen auf die psychische Gesundheit und das Wohlbefinden“, warnt der australische Arbeitsmarktexperte Ben Hamer gegenüber „ABC News„. Manche Bewerber reagieren mit veränderten Strategien. Statt massenhaft Bewerbungen zu versenden, konzentrieren sie sich auf wenige, passende Stellen. Andere bleiben unsicher, welcher Ansatz erfolgversprechender ist – breit streuen oder gezielt zielen.
Welche Rechte Betroffene haben
Rechtlich gesehen ist die Lage für Geschädigte kompliziert. Einen direkten Anspruch auf Bearbeitung oder Beantwortung von Bewerbungen gibt es in Deutschland nicht. Allerdings könnte das Schalten von Ghost Jobs als Verstoß gegen Treu und Glauben nach Paragraf 242 BGB gewertet werden. Schadensersatzansprüche sind denkbar, wenn nachweisbar ist, dass ein Unternehmen Bewerber absichtlich täuscht.
Klarer sind die Datenschutzrechte: Nach der DSGVO müssen Firmen Bewerberdaten nach einem gescheiterten Verfahren löschen oder anonymisieren. Betroffene sollten Auskunft über gespeicherte Daten verlangen.
Als Schutzmaßnahme empfehlen Experten, vor einer Bewerbung direkt bei der Personalabteilung anzurufen. Fragen wie „Wann soll die Stelle besetzt werden?“ können helfen, die Ernsthaftigkeit eines Angebots einzuschätzen. Je konkreter die Antworten ausfallen, desto wahrscheinlicher existiert die Position tatsächlich.
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