Amazon-Händler, die nicht die Logistikdienstleistungen des Konzerns in Anspruch nehmen, dürften sich über diese Nachricht ärgern: Der Marktplatz hat nun angekündigt, die Anforderungen für den eigenständigen Versand zu erhöhen, um schnellere und sicherere Lieferungen für Kunden zu ermöglichen. So sollen Ausreißer beim Versand – etwa aufgrund der vergleichsweise schlechter ausgebauten Struktur von Händlern ohne FBA-Versand (Fulfillment By Amazon) – weitgehend eingedämmt werden. Das Problem: Händler werden nun dazu angehalten, dafür Sorge zu tragen, dass die reale Versandgeschwindigkeit der im System hinterlegten Bearbeitungszeit so exakt wie möglich entspricht. Dieser Anspruch kann unter Umständen jedoch Probleme bereiten – denn je nach Saison oder Versandstrecke kann es zu unvorhergesehenen Verzögerungen kommen.
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Händler sollen sich mehr beeilen
Die neuen Vorgaben könnten etwaige Auswirkungen auf FBM-Händler („Fulfillment By Merchant“) auf Amazon haben – auch wer beispielsweise schneller versendet als angegeben, muss seine hinterlegten Angaben zur Versandgeschwindigkeit anpassen. Funktioniert das nicht, behält sich Amazon vor, die Bearbeitungszeiten selbst vorzugeben. Damit es nicht erst dazu kommen muss, rät der Konzern dazu, die Funktion „Automated Handling Time“, oder die „automatische Bearbeitungszeit“ anzuschalten. Dabei legt das System die Bearbeitungszeit basierend auf Daten bisheriger Sendungen fest.
Auch die Bearbeitungszeit selbst soll in Zukunft verkürzt werden. Laut Amazon werden zwar immerhin schon 87 Prozent der selbst versendeten Bestellungen innerhalb eines Tages aufgegeben. Doch gleichzeitig hinterlegen viele Händler längere Versandzeiten als tatsächlich nötig. Laut dem Unternehmen könnten dadurch die Verkaufszahlen sinken. Eine schnellere Lieferzusage könnte die Verkäufe laut interner Daten immerhin um fünf Prozent steigern.
Amazon droht mit Entzug von Prime-Abzeichen
Noch härter treffen die neuen Regelungen Händler, die am sogenannten „Seller Fulfilled Prime“ teilnehmen. Dabei wird der Versand zwar von den Händlern selbst übernommen, doch gleichzeitig dürfen diese auch das Prime-Logo verwenden. Um keine Schäden an der eigenen Marke zu riskieren, erhöht Amazon auch hier die Anforderungen. Prime-Angebote sollen dementsprechend auch bei SFP innerhalb von ein bis zwei Tagen bei den Kunden ankommen.
Und eine weitere Maßnahme steht ebenfalls in den Startlöchern: Laut Amazon sei ein neues Tool für Kunden zur Berechnung von Lieferzusagen auf Postleitzahlebene geplant. Händler, die es nicht schaffen, die neuen Vorgaben zu erfüllen, könnten dadurch das begehrte Prime-Abzeichen sowie Sichtbarkeit auf der Plattform und damit auch Verkäufe einbüßen.
Exakte, offizielle Statistiken von Amazon, die die genaue Fehler- oder Problemquote von Marktplatz-Händlern im Eigenversand mit denen im Amazon-Versand öffentlich vergleichen, gibt es nicht. Amazon hütet diese internen Daten sehr genau. Aber: Branchendaten wie von Feedvisor, zeigen, dass Top-Verkäufer im Schnitt eine ODR zwischen 0,2 % und 0,4 % halten. Während FBA-Verkäufer also oft problemlos Quoten von weit unter 0,5 % halten (da Amazon Fehler beim Versand selbst abfängt und nicht dem Händler anrechnet), bewegen sich FBM-Verkäufer statistisch deutlich häufiger am Limit von 1 % oder knapp darüber.
Welche Probleme führen zu Verspätungen – und wie verhindere ich sie?
Typische Probleme bei FBM-Händlern, die zu verzögerten Bearbeitungs- und Lieferzeiten führen können, sind unter anderem:
- Fehlende Echtzeit-Synchronisation: Viele Händler verkaufen ihre Ware parallel auf mehreren Kanälen (z. B. im eigenen Shopify-Shop, auf Kaufland, eBay und Amazon). Dabei kann es dazu kommen, dass der Bestand beispielsweise auf eBay richtigerweise als leergekauft angezeigt wird, Bestellungen bei Amazon aber weiterhin eingehen. Dann muss der Händler wieder auf Lieferungen warten.
- Kapazitäten: Bestellungen am Wochenende stapeln sich und plötzlich steht der Händler vor einem ganzen Berg an Aufträgen. Kann das Lagerteam – sofern überhaupt eines vorhanden ist – dann nicht alles schnell genug packen und versenden, dauert es bis zum Versand oftmals länger.
- Starre Abholzeiten der Logistiker: Versanddienstleister holen Pakete oft schon am frühen Nachmittag ab. Bestellungen, die kurz davor eingehen, schaffen es oft nicht mehr auf den Lkw, bleiben bis zum Folgetag liegen und gelten bei Amazon als verspätet.
- Lieferanten-Verzögerungen bei Zwischenhändlern: Händler, die Ware erst nach Bestelleingang beim Großhändler ordern oder Drop-Shipping nutzen, sind von externen Lieferketten abhängig. Stockt es dort, reißt der Händler unverschuldet das Zeitfenster von Amazon.
- Technische Fehler bei der Datenübermittlung: Selbst wenn ein Paket pünktlich übergeben wurde, gilt es für Amazon erst als versendet, wenn die Tracking-ID im System hinterlegt ist. Schnittstellenfehler zwischen Händler-Software und Amazon führen hier zu fehlerhaften Verspätungsmeldungen.
Um verspätete Lieferungen und drohende Kontosperren abzuwenden, müssen FBM-Händler ihre Prozesse professionalisieren. Der Schlüssel liegt in einer automatisierten ERP-Software, die Bestände und Tracking-Daten in Echtzeit synchronisiert und Überverkäufe verhindert. Zudem sollten Händler spätere Abholzeiten mit Logistikern verhandeln, um auch Nachmittagsbestellungen taggleich zu verschicken. Und wer auf Zwischenhändler setzt, ist gezwungenermaßen auf kleinere Sicherheitspuffer im System angewiesen. Auch, wenn Amazon diese Maßnahme möglicherweise missfällt. Nur mit realistischen Lieferversprechen und stabilen digitalen Schnittstellen bleiben die Performance-Metriken dauerhaft im grünen Bereich.
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