In Box Elder County im US-Bundesstaat Utah ist ein erbitterter Streit um ein gigantisches KI-Rechenzentrum entbrannt. Hunderte aufgebrachte Einwohner füllten eine Versammlungshalle und skandierten „Shame! Shame! Shame!“, als die Bezirkskommissare das umstrittene „Stratos“-Projekt des „Shark Tank“-Investors Kevin O’Leary genehmigten. Das geplante Datenzentrum soll sich über 40.000 Hektar erstrecken – eine Fläche, die etwa dem Zweieinhalbfachen des New Yorker Bezirks Manhattan entspricht. Bei voller Auslastung würde die Anlage rund 9 Gigawatt Strom benötigen. Zum Vergleich: Der gesamte Bundesstaat Utah verbraucht derzeit durchschnittlich etwa 4 Gigawatt. Die Kritiker befürchten massive Auswirkungen auf die ohnehin angespannte Wasserversorgung der Region und das fragile Ökosystem rund um den Great Salt Lake.
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Kommissare flüchten vor wütender Menge
Die Spannungen bei der Sitzung am Montag eskalierten derart, dass die Bezirkskommissare den Raum verließen und die Abstimmung per Livestream fortsetzten. Die Zuschauer verfolgten die Genehmigung auf einer Leinwand, während sie „Shame!“ riefen. Kommissar Lee Perry erklärte gegenüber dem Sender ABC4, dass nach der Versammlung Polizisten vor seinem Haus postiert wurden. Die Protestierenden würden „nicht nur mich persönlich angreifen, sondern auch meine Familie“, so Perry.
Staatliche Vertreter räumten ein, das Verfahren bewusst beschleunigt zu haben. „Es ist ein Wettbewerb“, sagte MIDA-Direktor Paul Morris. „Deshalb haben wir es so schnell vorangetrieben.“ O’Leary wies die Kritik zurück und behauptete, über 90 Prozent der Demonstranten stammten gar nicht aus Utah oder Box Elder County. „Sie werden mit Bussen hergebracht“, erklärte der Investor in einem Video auf Social Media. Anwohner und Wissenschaftler widersprachen dieser Darstellung entschieden.
Fast 4.000 Einsprüche stoppen Wasserrechtsantrag
Der Widerstand gegen das Projekt zeigte bereits konkrete Wirkung. Ein Antrag auf Übertragung von Wasserrechten für das Rechenzentrum wurde vergangene Woche zurückgezogen, nachdem fast 4.000 Bürger Einspruch bei der staatlichen Wasserbehörde eingelegt hatten. Der ursprüngliche Antrag sah vor, 1.900 Acre-Feet Wasser von landwirtschaftlicher Nutzung auf industrielle Zwecke umzuwidmen. Das Wasser stammt aus einer Quelle nahe der Nordspitze des Great Salt Lake, berichtet die „Salt Lake Tribune“.
Die Einsprüche kamen überwiegend von Einwohnern aus ganz Utah – ein Widerspruch zu O’Learys Behauptung über auswärtige Protestierende. Die Entwickler kündigten jedoch an, den Antrag mit zusätzlichen Informationen erneut einzureichen. Anwohner sorgen sich, dass der Wasserverbrauch den ohnehin schrumpfenden Great Salt Lake weiter belasten könnte. Der sinkende Wasserspiegel des Sees verursacht bereits Probleme mit giftigem Staub in der Region.
Wissenschaftler warnen vor Emissionsanstieg
Die Umweltauswirkungen des Projekts alarmieren Experten. Ein Physiker der Utah State University schätzt, dass die Anlage die Treibhausgasemissionen des Bundesstaates um etwa 50 Prozent erhöhen könnte. Der Grund: Das Rechenzentrum soll hauptsächlich mit Erdgas betrieben werden. Robert Davies, Physikprofessor und Experte für Umweltveränderungen an der Utah State University, stellte die zentrale Frage: „Werden die Arbeitsplätze die Kosten wert sein?“ Man müsse bedenken, welche Gemeinschaft man in 30 oder 50 Jahren für Kinder und Enkel wolle. „Dieses Ding wird dieses Tal völlig verändern“, warnte er.
O’Leary und Gouverneur verteidigen Projekt als nationale Priorität
Die Befürworter des Rechenzentrums argumentieren mit wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Interessen. „Das Potenzial dessen, was wir schaffen, ist so wichtig für die Verteidigung und die Wirtschaft“, sagte O’Leary gegenüber „CNN„. „Es sollte für jeden eine Mission sein. Wir dürfen nicht zulassen, dass die Chinesen uns schlagen.“ Utahs Gouverneur Spencer Cox unterstützt das Vorhaben ebenfalls. Zwar seien Rechenzentren „nicht die wichtigste Quelle wirtschaftlicher Entwicklung“ für den Bundesstaat, doch ihre Errichtung sei eine Frage der nationalen Sicherheit. Jeder Staat habe die Verpflichtung, solche Anlagen zu ermöglichen.
Nach Angaben von O’Leary soll das Projekt rund 10.000 Arbeitsplätze während der Bauphase und 2.000 Dauerarbeitsplätze schaffen. Die Gesamtkosten könnten letztlich über 100 Milliarden Dollar betragen. Die Entwickler haben bereits etwa 20 Millionen Dollar investiert.
Bürger streben Volksabstimmung im November an
Der Konflikt in Utah ist noch nicht entschieden. Eine Gruppe von Wählern aus Box Elder County hat diese Woche einen Antrag eingereicht, um die Genehmigung des Projekts per Referendum zu kippen. Die Bezirksschreiberin Marla Young bestätigte gegenüber „CNN“, dass der Antrag derzeit rechtlich geprüft werde. Für eine Abstimmung im November müssten die Initiatoren mehr als 5.000 Unterschriften sammeln. Der Ausgang bleibt ungewiss.
Der Streit in Utah steht nicht allein. Landesweit wehren sich Gemeinden zunehmend gegen den Bau massiver KI-Rechenzentren. Einige Kommunen versuchen bereits, solche Anlagen komplett zu verbieten. Die Entwickler geraten unter Druck, auf die öffentlichen Bedenken einzugehen – aus Sorge, dass Verzögerungen Amerikas Wettbewerbsfähigkeit im KI-Bereich gefährden könnten.
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