Immer mehr Menschen in Deutschland haben keine Lust mehr auf Arbeit. Das zeigen aktuelle Zahlen einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov für die neue Ausgabe der Berufestudie des Versicherers HDI. Fast sechs von zehn Beschäftigten in Deutschland gehen mittlerweile ausschließlich oder vorrangig wegen des Gehalts zur Arbeit. Der Wert von 59 Prozent markiert einen neuen Höchststand – und einen dramatischen Sprung: Gegenüber dem Vorjahr stieg er um 17 Prozentpunkte. Noch bemerkenswerter ist der langfristige Trend: Vor der Coronapandemie 2019 lag der Anteil der reinen Geldverdiener nur etwa halb so hoch. Die Identifikation mit dem eigenen Beruf befindet sich damit im freien Fall.
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Die Generation 55+ hat keine Lust mehr
Besonders drastisch fällt der Motivationsverlust bei den Älteren aus. Unter den 55- bis 64-jährigen Berufstätigen erklärten 63 Prozent, sie würden ihre Arbeit sofort an den Nagel hängen, wenn das Geld keine Rolle spielte. Ein Jahr zuvor lag dieser Wert noch bei 42 Prozent – kein anderes Alterssegment verzeichnete einen derart steilen Anstieg um 21 Prozentpunkte.
Damit bröckelt ausgerechnet in jener Generation die Arbeitsmoral, der traditionell eine besonders hohe Berufsidentifikation zugeschrieben wurde. Die Studienauftraggeber stellten fest, dass der bislang hohe Stellenwert der Erwerbstätigkeit bei den älteren Jahrgängen deutlich stärker schwindet als in anderen Altersgruppen.
Bei den unter 55-Jährigen zeigt sich ein etwas anderes Bild: Hier gab immerhin noch eine knappe Mehrheit von 54 Prozent an, sich ein Leben komplett ohne berufliche Tätigkeit schlicht nicht vorstellen zu können.
Rente mit 63 vor dem Aus – ausgerechnet jetzt
Politisch brisant wird dieser Befund durch das Timing: Während die Arbeitsmotivation der Älteren regelrecht einbricht, treibt die Bundesregierung Pläne voran, das Berufsleben für viele zu verlängern. Die sogenannte Rente mit 63 soll abgeschafft werden – Kanzler Friedrich Merz hat dieses Vorhaben zuletzt ausdrücklich bestätigt. Menschen, die am liebsten sofort den Schreibtisch räumen würden, sollen also künftig noch länger durchhalten.
„Die Ergebnisse zeigen einen spürbaren Wertewandel in der Einstellung zur Arbeit“, ordnete HDI-Vorstandsmitglied Holm Diez die Studienergebnisse ein. Tatsächlich prallen hier zwei gegenläufige Entwicklungen aufeinander: Auf der einen Seite eine Generation, deren Bindung an den Beruf in Rekordgeschwindigkeit erodiert – auf der anderen eine Rentenpolitik, die auf längere Erwerbsbiografien setzt. Wie diese Kluft überbrückt werden soll, bleibt vorerst offen.
KI macht Hoffnung – und vor allem Angst
Neben der schwindenden Motivation beschäftigt die Arbeitnehmer zunehmend eine weitere Sorge: Künstliche Intelligenz. Die HDI-Studie zeigt ein gespaltenes Bild. Rund ein Viertel der Befragten nimmt bereits positive Auswirkungen wahr oder erwartet sie – etwa weniger Routinetätigkeiten, bessere Arbeitsergebnisse und gesteigerte Produktivität.
Dem steht eine deutlich größere Gruppe gegenüber: 42 Prozent befürchten, dass KI-Einsatz zum Abbau von Arbeitsplätzen führt. Neun Prozent berichten, genau das bereits im eigenen beruflichen Umfeld erlebt zu haben.
Diese Ängste sind nicht unbegründet. Laut einer Analyse der Jobplattform Indeed sind die Stellenausschreibungen seit November 2022 – kurz vor dem Start von ChatGPT – um 37 Prozent zurückgegangen. Besonders hart trifft es klassische Bürojobs: In Bereichen wie Softwareentwicklung, Personalwesen und Marketing hat sich die Zahl der Ausschreibungen laut Indeed sogar halbiert.
IT-Entwickler ganz oben auf der Abschussliste
Welche Berufe halten die Deutschen für besonders KI-gefährdet? Die HDI-Studie liefert eine klare Rangfolge: An der Spitze stehen IT-Entwickler – 41 Prozent der Befragten glauben, dass Künstliche Intelligenz menschliche Programmierer überflüssig macht. Dahinter folgen Finanz- und Steuerberater mit 38 Prozent, Beschäftigte in Werbung und Marketing mit 36 Prozent sowie Verwaltungsangestellte mit 35 Prozent.
Am anderen Ende der Skala stehen Köchinnen und Köche: Gerade einmal drei Prozent trauen der Technologie zu, Menschen am Herd zu ersetzen.
IAB-Forscher Enzo Weber warnt allerdings davor, Berufsentscheidungen allein an der vermeintlichen KI-Sicherheit auszurichten. „Wir dürfen nicht nur darauf schielen, was KI für uns am Arbeitsmarkt übrig lässt“, sagte er dem „Handelsblatt“. Anpassungsfähigkeit und Lernbereitschaft seien die entscheidenden Kompetenzen der Zukunft.
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