Unbewusste Vorurteile und Denkmuster beeinflussen dein Führungshandeln. Darum ist es erforderlich, dass du deine Unconscious Bias kennst, analysierst – und bekämpfst.

Plötzliches Schweigen im Meeting

Wahrscheinlich kennst du solche Situationen: Du sitzt mit deinen MitarbeiterInnen im Teammeeting. Eine Entscheidung, die deine unternehmerische Zukunft betrifft, steht an. Du bevorzugst den Vorschlag, den Frau Schmidt soeben dargestellt und begründet hat. „Sehr schön, Frau Schmidt, dann machen wir das so.“

Und jetzt passiert es: Die anderen TeilnehmerInnen, die ebenfalls Ideen haben, schweigen, ziehen sich zurück. Die Diskussion scheint schlagartig beendet. Kritische Fragen zum Schmidt-Vorschlag: Fehlanzeige.

Der Grund: Das Authority Bias entfaltet seine unheilvollen Folgen. Die Atmosphäre verändert sich. Das Authority Bias beschreibt die Tendenz, dass wir Autoritäten gern folgen. Und das heißt: Die ranghöchste Person im Meetingraum hat eine Entscheidung formuliert, und die (meisten) MitarbeiterInnen folgen ihr nun. Das Problem: Die Einigung ist nur eine scheinbare. Denn nun fallen Alternativen unter den Tisch, werden gar nicht erst vorgetragen oder diskutiert. Dabei geht es nicht immer um mangelhaften Mut; oft wirkt schlichtweg die Hierarchie.

Wenn Unconscious Bias wirken

Das Beispiel verweist auf einen größeren Problemzusammenhang: Unbewusste Vorurteile und Denkmuster nehmen Einfluss auf so gut wie jeden Entscheidungsprozess. Wir sprechen dann von Unconscious Bias. Die Konsequenzen sind fatal: Nach Vorstellungsgesprächen werden nicht die besten KandidatInnen eingestellt, sondern diejenigen, die den EntscheiderInnen besonders sympathisch sind. Wir haben es mit einem Likeability Bias zu tun.

Bei Beförderungen wird unbewusst die Person bevorzugt, die so ähnlich tickt wie die EntscheiderInnen. Das Affinity Bias lässt grüßen.

Und in Entscheidungsprozessen führen die Bias zu Fehleinschätzungen und falschen Einschätzungen. Im schlimmsten Fall gefährdest du so die Existenz deines Unternehmens.

„Ich habe mich doch für die beste Person entschieden!“

Das Perfide an Bias: Du bemerkst nicht, wie Verzerrungen und Voreingenommenheit deine Entscheidungen lenken. Denn sie laufen auf einer unbewussten Ebene ab. So kann die Situation rasch aus dem Ruder laufen, ohne dass irgendeine der beteiligten Personen dies beabsichtigt.

Nehmen wir das Beispiel „Beförderung“: Eine der Personen wird unbewusst bevorzugt, eine andere Person fühlt sich benachteiligt. Es kommt zu Vorwürfen, die der Chef oder die Chefin nicht nachvollziehen kann. Denn aus deren Sicht hat man sich doch für die am besten geeignete Person entschieden!

Die Diskussion verschiebt sich von der Sachebene zur Beziehungsebene, Schuldzuweisungen folgen, das Problem bleibt ungelöst, ein Konflikt bildet sich aus, der rasch eskalieren kann. Um diese Situation in Zukunft zu vermeiden, geht es darum, den unbewussten Vorurteilen auf die Schliche zu kommen. Aber wie?

Bewusstmachen und reflektieren

Entscheidend ist, umgehend in die Selbstreflexion zu gehen. Es gilt, sich die unbewussten Vorurteile bewusst zu machen. Ein Tipp: Hol dir Unterstützung, um die unbewussten Denkmuster zu entdecken, zum Beispiel einen Sparringspartner, der die Abläufe in deinem Unternehmen oder Verantwortungsbereich kennt und einschätzen kann. Das können ebenso erfahrene MitarbeiterInnen, andere UnternehmerInnen oder auch externe Coaches sein.

Zielführend ist es, wenn du dich mit einem Menschen austauschst, der anders denkt und tickt als du. Die fremde, die andere Perspektive, die unterschiedlichen Erfahrungen erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass du dich vom Schubladendenken befreist. Aber vielleicht hilft schon der selbstkritische und hinterfragende Blick in den Spiegel weiter.

Konstruktive Gegenmaßnahmen umsetzen

Rufe dir die letzten fünf wichtigen Entscheidungen vor das geistige Auge: Rekonstruiere den Weg deiner Entscheidungsfindung: Welche unbewussten Denkmuster und Vorteile haben deine Wahrnehmung möglicherweise verzerrt und beeinflusst? Wie gelangst du zu einem objektiveren Urteil, zu einer neutraleren Einschätzung?

Einige Bias kennst du bereits. Erweitere dein Wissen zu den Spielarten der unbewussten Vorurteile. Welche weiteren Bias gibt es? Diskutiere dazu mit deinem Sparringspartner: Was sagt er dazu? Was regt dich zur Reflexion an? Welche Bias haben bei jenen fünf Entscheidungen eine Rolle gespielt? Wo hat dich ein destruktives Schubladendenken zu Fehleinschätzungen verleitet?

Fazit: Je mehr du über deine unbewussten Verzerrungen weißt, desto besser. Aber Wissen und Theorie allein genügen nicht. Wichtig ist vielmehr, Unconscious Bias durch bewusste Selbstreflexion und anhand konkreter Beispiele zu erkennen, um sie anschließend Schritt für Schritt abzubauen.

Dr. Anke Nienkerke-Springer

Dr. Anke Nienkerke-Springer ist Beraterin und Top-Management Coach, Beirätin und Autorin. Sie ist Inhaberin und Geschäftsführerin von Nienkerke-Springer Consulting (Köln und Kiefersfelden bei München) und berät und begleitet ambitionierte Unternehmen in Veränderungs- und Wachstumsprozessen.

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