»Hallo, ich bin der neue IT-ler«, sagt die Stimme am Telefon. »Ich brauche mal bitte ein paar Daten.« Mein Tipp: Nicht glauben. Denn gerade IT-Leute wissen, wie sensibel Daten sind. Selten fragen sie danach am Telefon. Beim Thema „betriebliche Resilienz“ setzen viele Chefs rein auf IT und Prozesse. Dabei ist keine Organisation resilient, wenn es nicht auch die Menschen in ihr sind. Ob jemand beispielsweise den Anhang einer E-Mail doppelklickt, entscheidet er selbst. Auch ob wir ein Gerücht weitertragen, liegt an uns.
Wie also machen wir Mitarbeiter/-innen resilient gegenüber Störversuchen?
Informationskompetenz und mentale Stärke
Neben Compliance-Richtlinien ist vor allem Informationskompetenz gefragt – die Fähigkeit, Informationen treffend einzuordnen. Wir fragen uns also beispielsweise: Weiß der Kollege, dass die andere Abteilung unseren Vorschlag ablehnt, oder vermutet er das nur?
Zudem geht es um die Stärke, sich nicht so leicht verunsichern zu lassen: Machen wir uns verrückt, weil wir etwas nicht wissen? Treffen wir Entscheidungen anhand von Vermutungen? Bilden wir uns unsere Gewissheiten lieber anhand des ersten Anscheins, als uns unsere Unkenntnis einzugestehen?
Beides – gesunde Skepsis und Unbeirrbarkeit – lässt sich systematisch vermitteln. Dazu sollten wir Informationskompetenz als modulares Konzept betrachten. Es geht u.a. um:
- die Arbeitsweise der Desinformation. Wissen alle, dass vor allem unprüfbare Lügen gefährlich sind? Menschen ohne Informationskompetenz denken: Weil nichts dagegenspricht, wird es stimmen. Sind wir davor gefeit?
- wissenschaftliches Denken. Kennen wir das Prinzip „Wer behauptet, belegt“? Wissen wir also, dass nicht wir das Gegenteil einer angeblichen Verschwörung belegen müssen, sondern derjenige, der diese Verschwörung behauptet?
- die Logik unserer Schlüsse. Unterliegen wir falschen Interpretationen in der Art: „Weil wir bisher noch keinen Hackerangriff erlebt haben, ist unser System sicher“?
Schutz vor Denkfehlern und emotionaler Vereinnahmung
Wer die Grundlagen des kritischen Denkens kennt – wie den Skeptizismus aus der Wissenschaft oder den medienrechtlichen Unterschied zwischen Behauptungen und Meinungen – lässt sich so leicht keinen Bären mehr aufbinden und sich auch nicht mehr so leicht emotional vereinnahmen.
Menschen mit Informationskompetenz denken differenziert und sind immun gegen Störversuche durch unsachliche Diskussionsbeiträge und rhetorische Tricks. Mit einem offenen Ohr für sachlichen Input, Feedback und Kritik. Missverständnisse nehmen ab, ebenso Konflikte. Gerüchte haben keinen Nährboden mehr.
CEOs sind in der Pflicht
Das Unternehmensstabilisierungs- und -restrukturierungsgesetz (StaRUG) verpflichtet Chefs, „fortlaufend über Entwicklungen, welche den Fortbestand der juristischen Person gefährden können“, zu wachen.
Daher sollten CEOs, Geschäftsführer und Unternehmer jetzt erkennen und entscheiden:
1. Informationskompetenz gehört in die Unternehmenskultur. Denn Unternehmen sind Teil der Gesellschaft, die derzeit durch Desinformation destabilisiert werden soll. Um diese Angriffe abzuwehren, müssen alle im Unternehmen resilient sein.
2. Informationskompetenz ist Chefsache. Das Top-Level-Management muss das Thema durchdringen, auch damit es sich später reibungslos in der Belegschaft ausrollen lässt.
3. Informationskompetenz-Botschafter/-innen sind gefragt. Führungskräfte aller Führungsebenen, HR-Verantwortliche, Arbeitnehmervertreter/-innen, Ausbildungsleiter/-innen können das Wissen direkt an ihre Mitarbeiter/-innen und Azubis weitergeben.
Die perfekte Lüge
Vermitteln lassen sich die Inhalte in Workshops. Ein schönes Tool vor allem für Azubis ist das Spiel „Die perfekte Lüge“: Die Teilnehmer/-innen sind aufgerufen, Lügen zu erfinden, die sich nicht prüfen lassen. Rein dramaturgisch hinkt nahezu jede Lüge irgendwann, wenn wir ihr auf den Grund gehen – so, wie auch jedes Thriller-Drehbuch bei einer gewissen analytischen Tiefe Fehler aufweist. Denn am Ende ist nur die Realität selbst vollendet plausibel.
Das Spiel „Die perfekte Lüge“ zeigt, wie hybride Angreifer unter anderem vorgehen. Indem deine Mitarbeiter/-innen die Methoden verstehen, steigern sie ihre Immunität gegenüber Falschinformationen und reduzieren die Gefahr, selbst belogen zu werden.
Am Ende zählt für Unternehmen die zutreffende Information. Nur sie ist die Basis für kluge Entscheidungen und damit für den Unternehmenserfolg. Der Lüge sagen gute Chefs den Kampf an.





Spannender Beitrag – und absolut aus der Praxis gesprochen. Ich erlebe das im Webdesign- und SEO-Alltag ständig: Unternehmen investieren viel…
Sehr treffend herausgearbeitet, dass erfolgreiche digitale Geschäftsmodelle weniger von Technologie als von Klarheit leben. Besonders wichtig finde ich den Punkt…
Guter Überblick, danke dafür. Gerade Handwerksbetriebe haben das Thema oft gar nicht auf dem Schirm, obwohl sie längst digital arbeiten…