Die KI-Branche steuert auf ein gewaltiges Finanzierungsproblem zu. Nach Berechnungen der Unternehmensberatung Bain & Company in ihrem aktuellen Global Technology Report müsste der Sektor bis 2031 jährlich rund sechs Billionen Dollar erwirtschaften, damit sich die rasant wachsenden Infrastrukturinvestitionen überhaupt rechnen. Davon ist die Industrie meilenweit entfernt: Mindestens 4,2 Billionen Dollar lassen sich mit keinem heute existierenden Geschäftsmodell abdecken. Die Kosten für den Aufbau und die Modernisierung von KI-Rechenzentren dürften in den kommenden fünf Jahren auf bis zu 1,5 Billionen Dollar pro Jahr ansteigen. Rentabel wäre das laut Bain nur, wenn diese Ausgaben höchstens ein Viertel des Gesamtumsatzes ausmachten. Doch genau hier klafft die Lücke – und sie wird größer, nicht kleiner.
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Sechs Billionen Dollar – und kein Weg dorthin
Die Rechnung von Bain ist ernüchternd simpel: Wenn die Infrastrukturkosten maximal 25 Prozent des Umsatzes betragen dürfen, braucht es bei 1,5 Billionen Dollar Ausgaben eben sechs Billionen Einnahmen. Auf der Habenseite stehen bislang allerdings bescheidene Summen. Verbraucherprodukte und Werbeerlöse dürften 2031 lediglich 200 bis 400 Milliarden Dollar einbringen. Das Geschäft mit Unternehmenskunden könnte zusätzlich maximal 1,4 Billionen Dollar beisteuern.
Zusammengenommen ergibt das bestenfalls 1,8 Billionen Dollar – nicht einmal ein Drittel der nötigen Summe. Noch vor der vorherigen Analyse lag der geschätzte Fehlbetrag bei 40 Prozent, inzwischen sind es laut Bain rund 70 Prozent.
Oracle-Schreiben löst Börsenbeben aus
Wie angespannt die Stimmung bereits ist, zeigte sich erst vor wenigen Tagen. Ende September sorgte ein Schreiben von Oracle an den Projektentwickler Blue Owl im Rahmen eines milliardenschweren KI-Vorhabens für erhebliche Unruhe an den Märkten. Der Konzern habe sich lediglich finanziell absichern wollen, hieß es anschließend beschwichtigend. Doch die Nervosität sitzt tief: Die betroffenen Kredite werden bei Banken bereits mit Abschlägen von etwa zehn Prozent gehandelt.
Neben den wachsenden Finanzierungslücken kämpft die Branche zudem mit Klagen von Umweltverbänden, Engpässen bei der Energieversorgung und lokalem Widerstand gegen neue Rechenzentrumsprojekte. Die großen Hyperscaler – Alphabet, Microsoft, Amazon, Meta und Oracle – greifen laut „T3N“ mittlerweile auf versteckte Schulden zurück, um den Ausbau zu stemmen.
2,7 Billionen Dollar ohne jede Geschäftsidee
Woher sollen die fehlenden Billionen kommen? Bain sieht in absehbaren Innovationen wie neuartigen Werbeformaten, KI-gesteuerten Robotern und autonomen Fahrzeugen ein Potenzial von bis zu 1,5 Billionen Dollar. Damit ließe sich die Lücke zumindest teilweise verkleinern – doch für die verbleibenden 2,7 Billionen Dollar existieren nicht einmal belastbare Konzepte.
Die Analysten spekulieren über mögliche Erlösquellen in der KI-gestützten Arzneimittelentwicklung, bei Durchbrüchen in der Materialforschung oder beim Einsatz künstlicher Intelligenz in der Psychotherapie und Fusionsenergieforschung. Bepreisen lässt sich davon aktuell allerdings nichts. „Die Branche braucht eine Innovationswelle, die alles in den Schatten stellt, was mobile Technologien und Cloud-Dienste ermöglicht haben“, warnt David Crawford, Hauptautor des Bain-Berichts.
Nvidia will KI-Rechenzentren versicherbar machen
Während die Branche über die Finanzierungslücke grübelt, geht Nvidia in die Offensive. Wie die „Financial Times“ berichtet, verhandelt der Chiphersteller mit Versicherungsunternehmen über Policen, die Kostenrisiken beim Betrieb von KI-Rechenzentren absichern sollen. Die Idee: Hardware dient als Sicherheit und wird gegen Wertverluste bei einer möglichen Insolvenz des Betreibers versichert – sogenannte Restwertversicherungen.
Besonders kleineren Cloud-Anbietern soll das den Bau eigener Rechenzentren erleichtern, indem diese quasi zu handelbaren Finanzprodukten werden. Neben Versicherern hat Nvidia auch Hedgefonds als potenzielle Geldgeber im Visier. Solche Absicherungskonstrukte für technische Anlagen gibt es bereits vereinzelt – Nvidia will sie nun systematisch auf KI-Hardware ausweiten.
Eisenbahn, Dotcom, KI – ein bekanntes Muster
Die Geschichte kennt solche Phasen. Im Eisenbahnboom des 19. Jahrhunderts verschlangen neue Strecken gewaltige Summen, während riskante Projekte reihenweise scheiterten – die US-Finanzpanik von 1873 trug diese Handschrift. Um die Jahrtausendwende entstanden beim Internetboom mehr Glasfaserkapazitäten, als irgendjemand brauchte. Beide Technologien erwiesen sich langfristig als transformativ. Für viele frühe Investoren kam der wirtschaftliche Nutzen trotzdem zu spät.
Ob sich das Muster wiederholt, hängt laut Bain davon ab, ob die nötigen Anwendungen rechtzeitig entstehen. „Es stellt sich die Frage, ob die entsprechenden Anwendungen rechtzeitig auf den Markt kommen, um diese Kosten zu decken“, mahnen die Berater.
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