Die Debatte um Arbeitszeiten in Deutschland dreht sich meist um Angestellte: Vier-Tage-Woche, Homeoffice-Pflicht, Überstundenabbau. Wer dabei völlig übersehen wird, sind hunderttausende Menschen, die nebenberuflich ihr eigenes Unternehmen gründen. Eine Auswertung des Nutzungsverhaltens von hunderttausenden Qonto-Kund:innen zeigt, wie ihr Arbeitsalltag tatsächlich aussieht.

„Mit Viertagewoche und Work-Life-Balance werden wir den Wohlstand dieses Landes nicht erhalten können.“ Diese Aussage hat einige Debatten ausgelöst: Arbeiten wir in Deutschland tatsächlich zu wenig?

Doch wir müssen uns die Frage stellen: Führt die Debatte nicht vielleicht am Ziel vorbei? Unsere Arbeitswelt verändert sich bereits seit Jahren. Flexible Arbeitszeitmodelle sind heute weit verbreitet und lösen feste zeitliche Strukturen zunehmend auf. Nirgendwo zeigt sich das so klar wie bei der wachsenden Zahl an Menschen, die ihr Unternehmen im Nebenerwerb starten und damit Job, Gründung und Privatleben unter einen Hut bringen müssen. Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur, wie viel wir arbeiten, sondern auch, wann und in welcher Form die Arbeit stattfindet.

Das Feierabend-Dilemma: Überstunden statt Stechuhr

Wir haben das Nutzungsverhalten hunderttausender KMU und Selbstständigen ausgewertet, um zu schauen, wann geschäftliche Aufgaben tatsächlich erledigt werden. Endet der Arbeitstag um 17 Uhr oder gehören Tätigkeiten außerhalb der üblichen Bürozeiten längst zum Alltag?

Die Ergebnisse zeigen: 77 Prozent der Nutzer:innen in Deutschland waren in diesem Jahr außerhalb der Geschäftszeiten aktiv. Dabei handelt es sich nicht um eine Ausnahme, sondern um die Fortsetzung eines längerfristigen Trends: Zwischen 2020 und 2025 lag der Anteil durchschnittlich bereits bei rund 70 Prozent.

Für alle, die ihr Unternehmen neben einem Hauptjob aufbauen, ist das wenig überraschend. Zeit für die eigene Gründung nimmt man sich, sie ergibt sich nicht einfach. Wer nebenberuflich gründet, organisiert den Aufbau des eigenen Unternehmens meist vor oder nach dem Hauptjob. Auch unabhängig davon ist Mehrarbeit weit verbreitet: 2024 leisteten abhängig Beschäftigte in Deutschland mehr als 1,2 Milliarden Überstunden.

Der Nebenerwerb wird zur neuen Gründungsrealität

Immer mehr Menschen gründen ihr eigenes Unternehmen im Nebenerwerb, während sie zunächst an ihrem bestehenden Job festhalten. Nach Angaben der KfW wurden 2025 insgesamt 483.000 Unternehmen im Nebenerwerb gegründet, 26 Prozent mehr als im Vorjahr und ein neuer Höchststand. Rund 70 Prozent aller Gründungen in Deutschland erfolgten damit neben einer anderen beruflichen Tätigkeit.

Die Gründe dafür kann man leicht erschließen: Angesichts unsicherer wirtschaftlicher Rahmenbedingungen reduziert eine Gründung im Nebenerwerb das persönliche Risiko erheblich. Das bestehende Einkommen bleibt zunächst erhalten, während sich die Geschäftsidee in der Praxis beweisen muss, ohne den Druck, von Tag eins an davon leben zu müssen. Das bedeutet aber auch: Wer nebenberuflich gründet, hat weniger Zeit zur Verfügung und muss Buchhaltung, Akquise neuer Kund:innen und operatives Geschäft in den Stunden vor und nach dem eigentlichen Job erledigen.

Auch die Teilzeitquote spielt Gründer:innen in die Karten. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung beziffert sie für Ende 2025 auf einen neuen Höchststand von rund 40 Prozent.

Die steigende Teilzeitquote und die hohe Zahl an Überstunden stehen jedoch nicht zwangsläufig im Widerspruch zueinander. Vielmehr zeigen beide Entwicklungen, dass sich die Arbeitszeit heute anders verteilt. Teilzeit bedeutet nicht automatisch, dass Menschen insgesamt weniger arbeiten. Für angehende Gründer:innen ist Teilzeit sogar häufig eine bewusste Strategie: Sie schafft die zeitlichen Freiräume, die es braucht, um ein eigenes Unternehmen parallel aufzubauen.

Wenn die Nacht zum Tag wird

Unsere Analyse zeigt nicht nur, dass viele Menschen außerhalb der üblichen Geschäftszeiten arbeiten, sondern auch wann: Der aktivste Zeitraum liegt zwischen 19 und 21 Uhr.

In den frühen Morgenstunden um sechs oder sieben Uhr ist die Aktivität deutlich geringer. Für Menschen, die ihr Unternehmen neben dem Job aufbauen, ist das wenig überraschend, denn der Abend ist oft die einzige zusammenhängende Zeit, die für die eigene Gründung bleibt.

Auffällig ist auch, dass gerade um drei Uhr nachts viele Finanzgeschäfte abgewickelt werden. Zu keiner anderen Stunde nach 18 Uhr werden auf der Qonto-Plattform mehr Vorgänge verzeichnet. Auch in Frankreich, Italien und Spanien weist die Analyse vergleichbare Ergebnisse auf.

Feierabend vom Feierabend

Die Daten zeigen, dass in Deutschland grundsätzlich nicht weniger gearbeitet wird. Vielmehr verändert sich die zeitliche Verteilung der Arbeit. So greifen die einen aufgrund wirtschaftlicher Zwänge zu einem Zweitjob, andere wollen sich den Traum eines eigenen Unternehmens erfüllen. Und wieder andere wollen ihren Beruf schlicht flexibler gestalten und ihre Stunden daher in andere Tageszeiten verschieben.

Gerade für Selbstständige und KMU lassen sich Arbeitszeit und Freizeit deshalb häufig nicht klar voneinander trennen. Wer wissen will, ob in Deutschland genug gearbeitet wird, sollte nicht auf die Stechuhr schauen, sondern auf die Menschen, die längst ohne sie arbeiten.

Dr. Malte Dous

Dr. Malte Dous ist Managing Director für Zentraleuropa bei Qonto, Europas führender Geschäftskonto- und Finanzmanagement-Lösung für Selbstständige und KMU. In dieser Rolle treibt er das Wachstum in Deutschland und weiteren zentraleuropäischen Märkten voran. Er verantwortet die strategische Ausrichtung, Produkterweiterungen sowie Partnerschaften, die gezielt auf die Bedürfnisse der Unternehmen zugeschnitten sind.

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