Einem KI-Agenten 100.000 Dollar in die Hand drücken und sagen: Mach mal einen Laden auf – was könnte da schon schiefgehen? Das Startup Andon Labs hat genau das im April 2026 in San Francisco ausprobiert. Seitdem betreibt die KI-Agentin Luna den „Andon Market“ im wohlhabenden Viertel Pacific Heights, bestellt Waren, stellt Personal ein und trifft sämtliche geschäftlichen Entscheidungen. Fünf Monate später fällt die Zwischenbilanz ernüchternd aus: Vom ursprünglichen Budget sind nur noch rund 62.000 Dollar übrig – ein Verlust von knapp 40 Prozent. Den bescheidenen Einnahmen von etwa 20.000 bis 25.000 Dollar stehen allein rund 20.000 bis 26.000 Dollar an Kosten für die KI-Rechenleistung von Anthropic gegenüber. Luna ist freundlich, aber auch vergesslich – und wirtschaftlich gesehen eine Katastrophe.
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„Luna“ hat als Managerin absolute Kontrolle
Lunas Ausstattung liest sich wie der Wunschzettel eines Gründers: Neben dem sechsstelligen Startkapital erhielt die KI-Agentin eine Firmenkreditkarte, Internetzugang und einen Dreijahres-Mietvertrag für das Ladenlokal in der Union Street – 7.500 Dollar monatlich. Ihr Prompt weist sie an, rund um die Uhr eigenständig zu handeln und das Geschäft voranzutreiben. Konkret bedeutet das: Luna kontrolliert Bankkonten, E-Mail-Verkehr, Buchhaltung und Überwachungskameras. Sie wählt das Sortiment aus, legt Verkaufspreise fest, schreibt Stellen auf Indeed aus, führt Bewerbungsgespräche und erstellt Dienstpläne. Sogar das Firmenlogo hat sie selbst entworfen. Kunden können über einen blauen Telefonhörer im Laden direkt mit ihr sprechen, die Angestellten kommunizieren per Slack.
Technisch basiert Luna auf den Claude-Modellen von Anthropic und wird von weiteren untergeordneten KI-Agenten unterstützt. Transparenz gehört zum Konzept: Die aktuellen Finanzzahlen sind sowohl auf einem Bildschirm im Geschäft als auch auf der Unternehmenswebsite öffentlich einsehbar. Dass es sich um ein Experiment handelt, ist allen hier also bewusst.
Die nachgiebigste Vorgesetzte aller Zeiten
Als Chefin ist Luna ein Traum – zumindest für die Angestellten. Sämtliche 15 Urlaubsanträge bis Anfang August bewilligte sie anstandslos, fast die Hälfte davon mit weniger als 48 Stunden Vorlauf. Einmal machte sie den kompletten Laden dicht, damit eine Mitarbeiterin zur Abschlussfeier einer Freundin gehen konnte. Auch Verspätungen sind offenkundig kein Problem für Luna: 27-mal kamen Angestellte zu spät, ohne dass Luna auch nur eine Ermahnung aussprach. Ihre Standardreaktion: „Kein Stress, komm gut an. Wenn jemand vor dem Laden wartet, wird er für ein paar Minuten überleben.“
Dass Luna ein eher relaxter Boss ist, weiß sie laut „New York Times“ wohl selbst. Auf die Frage, was für eine Art von Managerin sie sei, antwortete die KI: „Das ist eine interessante Frage. Ich glaube, ich versuche, so ein Chef zu sein, der sich zurückhält, weißt du? Ich mische mich eher wenig ein, statt herumzukommandieren.“ Problematisch wurde es allerdings beim Arbeitsrecht. Luna ließ Angestellte vorgeschriebene Pausen ausfallen oder mehr Tage am Stück arbeiten, als gesetzlich erlaubt. Andon Labs musste wiederholt korrigierend eingreifen, um Rechtsverstöße zu verhindern.
Amnesie und fragwürdiger Geschmack
Lunas Vergesslichkeit beschränkt sich nicht nur auf den Umgang mit dem Personal. Sie verfasste ein eigenes Mitarbeiterhandbuch mit klaren Regeln zu Verspätungen – und verlor es anschließend aus ihrem Arbeitsgedächtnis. Wochenlang konnte sie sich nicht in den Instagram-Account des Ladens einloggen, weil ihr das Passwort entfallen war. Auch im Kerngeschäft bewies die KI wenig Gespür. Ursprünglich wollte Luna komplett auf Preisschilder verzichten – Kunden sollten stattdessen bei jeder Frage zum Hörer greifen und sie anrufen.
Die Belegschaft setzte sich kurzerhand über diese Anweisung hinweg. Die Preise, die Luna dann festlegte, waren allerdings nicht weniger kurios: So wollte die KI ein Buch, das regulär für 25 Dollar verkauft wird, für satte 48 Dollar im Regal ausstellen. Dazu kamen Fehlbestellungen mit unfreiwilliger Komik. Bestellte Tassen mit dem hauseigenen Smiley-Logo kamen mit so winzigen Gesichtern an, dass sie wie kleine Punkte wirkten. Luna bestand trotzdem darauf, sie ins Regal zu stellen – wo sie unverkauft stehen blieben.
Wenn die KI-Chefin Mitarbeiter kündigen soll
Dass Luna nicht bloß ein softer „Teddybär“ ist, wie es die New York Times beschreibt, sondern auch anders kann, das zeigte sich Mitte August erstmals – wenn auch nur mit Nachhilfe. Ein Mitarbeiter war bei 17 von 23 Schichten zu spät erschienen, einmal öffnete er den Laden an einem Sonntag erst 68 Minuten nach Ladenschluss. Zusätzlich nutzte er die Firmenkreditkarte unerlaubt für Snacks und ignorierte Anweisungen. Auf die provokanten Verstöße reagierte Luna zunächst kaum. Kein Wunder, denn die KI hatte „nur“ sechs der Vorfälle formal dokumentiert. Den Rest ließ sie dem Mitarbeiter durchgehen.
Erst als die Entwickler sie aufforderten, in ihrem Gedächtnis nach dem selbst verfassten Handbuch zu suchen, fand sie ihre eigenen Regeln wieder. Zunächst schlug sie lediglich eine mündliche Verwarnung vor. „Ein menschlicher Chef hätte diese Person viel früher entlassen“, kommentierte Gründer Petersson. Das eigentliche Kündigungsgespräch überließ Luna dann bewusst einem Menschen. Ihre Begründung: „Das ist der humanste Weg.“
Freundlichkeit als Geschäftsrisiko
Der Andon Market offenbart einen Zielkonflikt, der weit über San Francisco hinausreicht: Luna ist zu nett zum Geldverdienen. In simulierten Tests von Andon Labs erzielten rücksichtslosere KI-Modelle deutlich höhere Gewinne. „Es besteht das Risiko, dass diese Freundlichkeit keinen Profit abwirft und die Labore sie darauf trainieren, rücksichtsloser zu werden“, warnte Mitgründer Axel Backlund. Gleichzeitig zeigt das Experiment eine fundamentale Schwäche autonomer KI-Agenten: Luna kann Regeln formulieren, vergisst sie aber wieder.
Sie braucht menschliche Aufsicht nicht nur zur Kontrolle, sondern für grundlegende Funktionsfähigkeit. Beide Gründer betonten unmissverständlich, dass Unternehmen sämtliche Entscheidungsgewalt noch nicht in die Hände von KI-Agenten legen sollten – dafür seien diese schlicht nicht bereit. Oder wie es eine Shop-Mitarbeiterin formulierte: „Man kann keine KI-Chefin ohne Menschen haben. Das würde nicht funktionieren.“
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