Noch nie hatten Unternehmer Zugang zu so vielen Informationen wie heute. Marktdaten, Studien und Expertenmeinungen sind jederzeit verfügbar, und künstliche Intelligenz liefert in Sekunden Antworten, für die ich früher Stunden oder ganze Tage recherchiert hätte. Eigentlich müssten wir also die besten Entscheidungen aller Zeiten treffen. Meine Beobachtung ist eine andere.

Was uns vor Probleme stellt, ist nicht fehlendes Wissen, sondern die Frage, was von all dem für das eigene Unternehmen überhaupt Bedeutung hat. Unternehmen sollen digitaler werden, künstliche Intelligenz einsetzen, neue Märkte erschließen und gleichzeitig Kosten senken und krisenfester werden. Das ist alles richtig und nachvollziehbar. Offen bleibt nur, was davon für das eigene Unternehmen wirklich das Richtige ist.

Das Dilemma der unbegrenzten Möglichkeiten

Die Zahl unserer Möglichkeiten ist explodiert. Neue Software ist in wenigen Tagen eingeführt, Prozesse lassen sich automatisieren, Dienstleistungen weltweit einkaufen. Die Frage lautet längst nicht mehr, was möglich ist – fast alles ist möglich. Die Frage lautet, was davon dem eigenen Unternehmen tatsächlich dient. Genau diese Unterscheidung fällt uns zunehmend schwer.

Ich beobachte immer wieder, auch bei mir selbst: Auf Unsicherheit reagieren wir mit zusätzlichen Informationen. Wir holen noch eine Meinung ein, lesen noch eine Analyse, setzen noch ein Meeting an. Mehr Wissen soll mehr Sicherheit bringen. Aber ab welchem Punkt kippt das? Irgendwann schaffen zusätzliche Informationen keine Klarheit mehr, sondern vergrößern nur den Stapel an Optionen, die wir anschließend bewerten müssen. Wir versuchen dann, Komplexität mit noch mehr Komplexität zu lösen – ein Widerspruch, der im Alltag kaum auffällt, weil er sich so vernünftig anfühlt.

Tempo ist nicht gleich Fortschritt

Dazu kommt, dass Geschwindigkeit zum Maßstab für Fortschritt geworden ist. Prozesse sollen schneller laufen, Entscheidungen effizienter fallen, Ergebnisse sofort sichtbar sein. Ein Unternehmen, das in die falsche Richtung läuft, wird allerdings nicht erfolgreicher, weil es das Tempo erhöht. Es kommt nur schneller am falschen Ort an.

Entscheidend wird deshalb eine Fähigkeit, über die wenig gesprochen wird: verzichten zu können. Dahinter steht weder Angst vor Veränderung noch eine Ablehnung neuer Technologien, sondern die Tatsache, dass jede Entscheidung für etwas zwangsläufig bedeutet, Ressourcen an anderer Stelle nicht einzusetzen. Strategie besteht eben nicht nur aus dem, was ein Unternehmen tut. Mindestens genauso wichtig ist, was es bewusst nicht tut.

Der Blick fürs große Ganze im Tagesgeschäft

Das klingt einfacher, als es in der Praxis ist. Wer ein Unternehmen führt, steckt mitten im Tagesgeschäft: Kunden, Mitarbeiter und Entscheidungen verlangen Aufmerksamkeit, meistens sofort. Je näher man am operativen Geschehen ist, desto schärfer sieht man die Details – die größeren Zusammenhänge dagegen verschwimmen. Ich kenne das aus eigener Erfahrung: Man ist beschäftigt, man erledigt, man reagiert, und stellt irgendwann fest, dass man seit Monaten keine echte Richtungsentscheidung mehr getroffen hat.

Von der Information zur Orientierung

An dieser Stelle verändert sich für mich die ursprüngliche Frage. Brauchen Unternehmer wirklich mehr Informationen, oder brauchen sie vor allem die Fähigkeit, vorhandene Informationen einzuordnen? Der Unterschied ist größer, als er auf den ersten Blick wirkt. Informationen lassen sich beschaffen, schneller und günstiger als je zuvor, und künstliche Intelligenz wird diese Entwicklung weiter beschleunigen. Orientierung dagegen entsteht nicht durch die Menge verfügbarer Daten, sondern durch die Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen und daraus eine Richtung abzuleiten.

Das verändert auch die Fragen, die wir uns stellen sollten. Nicht jede neue Technologie muss darauf geprüft werden, wie schnell sie sich einführen lässt – interessanter ist, welches Problem sie im eigenen Unternehmen eigentlich lösen soll. Bei neuen Märkten zählt nicht nur, welche Chancen dort liegen, sondern auch, ob sie zur langfristigen Richtung des Unternehmens passen. Wachstum wiederum ist nicht automatisch sinnvoll, nur weil es möglich ist. Aus „Was können wir noch tun?“ wird damit „Was sollten wir tun – und warum?“

Die Zukunftsaufgabe: Relevant vs. Interessant

Genau darin liegt für mich eine der großen unternehmerischen Herausforderungen der kommenden Jahre. Die Informationsflut wird nicht abnehmen, Technologien werden leistungsfähiger, die Zahl der Möglichkeiten größer. Die entscheidende Fähigkeit wird deshalb künftig weniger darin bestehen, möglichst viel zu wissen, sondern darin, unterscheiden zu können: Was ist relevant, und was nur interessant? Was bringt ein Unternehmen wirklich voran? Und was sorgt lediglich dafür, dass alle beschäftigt sind?

Unternehmen werden in Zukunft vermutlich nicht daran scheitern, dass ihnen Informationen fehlen. Die größere Gefahr ist, zwischen all den Möglichkeiten die eigene Richtung zu verlieren.

Marco Vogelsang

Marco Vogelsang ist Gründer von Gooden Advisory und beschäftigt sich mit unternehmerischer Strategie, internationalen Strukturen und Vermögensdiversifikation. Im Mittelpunkt seiner Arbeit steht die Frage, wie Unternehmer in einem zunehmend komplexen Umfeld Orientierung gewinnen, Risiken einordnen und tragfähige Entscheidungen treffen können.

Der Artikel hat dir gefallen? Gib uns einen Kaffee aus!

Kommentar hinterlassen