Ein Beruf, der dauerhaft in die Haut von Menschen eingreift, benötigt in Deutschland weder eine staatliche Ausbildung noch einen verbindlichen Qualifikationsnachweis. Was auf den ersten Blick überraschend wirkt, ist seit Jahren Realität in der Tattoo-Branche.Dabei sind Tattoos längst kein Randphänomen mehr.

Laut einer Ipsos-Umfrage, über die die Apotheken Umschau 2019 berichtete, trug damals jeder fünfte Bundesbürger mindestens ein Tattoo, 21 Prozent gegenüber 11,4 Prozent im Jahr 2012. Besonders verbreitet ist der Trend bei jüngeren Menschen: Fast jeder Zweite zwischen 20 und 29 Jahren hat mindestens eine Tätowierung. Parallel dazu hat sich die Zahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Tätowierer seit 2012 auf knapp 1.200 verdoppelt, Tendenz weiter steigend.

Was viele nicht wissen: Trotz dieser wirtschaftlichen Relevanz gibt es in Deutschland bis heute keine staatlich geregelte Ausbildung und keinen verbindlichen Berufszugang für Tätowierer. Wer ein Studio eröffnen möchte, benötigt im Grunde nur einen Gewerbeschein. Geregelt sind lediglich Hygiene und Gewerbevorschriften, und auch die unterscheiden sich je nach Bundesland.

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Lernen nach dem Prinzip „Monkey see, Monkey do“

Der Einstieg in den Beruf erfolgt in der Praxis meist über Mentoring in bestehenden Studios, private Tattooschulen oder freiwillige Fortbildungen. Diplome aus solchen Kursen sind zwar nicht staatlich anerkannt, gelten für Kunden aber oft als wichtiger Vertrauensnachweis. Das Problem dabei: Wer beurteilt eigentlich, ob ein Mentor oder eine Schule fundiertes Wissen vermittelt? Hier entscheidet häufig allein der Ruf, nicht ein einheitlicher Standard.

Gleichzeitig hat das Fehlen verbindlicher Standards einen lukrativen Schulungsmarkt entstehen lassen, in dem nicht immer transparent ist, ob die aufgerufenen Preise tatsächlich im Verhältnis zu den vermittelten Qualifikationen stehen.

Im internationalen Vergleich zeigt sich, wie unterschiedlich Länder mit dieser Frage umgehen. Österreich hat den Beruf bereits 2003 in die Innung der Kosmetiker, Fußpfleger und Masseure integriert. Wer dort tätowieren möchte, muss einen Lehrgang absolvieren und eine Befähigungsprüfung ablegen. In Deutschland fehlt eine vergleichbare Struktur bis heute vollständig.

Wenn Konflikte zwischen Kunden und Artists eskalieren

Aus meiner Praxis als staatlich zertifizierte Sachverständige und Mediatorin kenne ich die Folgen dieser Regelungslücke aus erster Hand. Streitfälle reichen von handwerklichen Mängeln über mangelhafte Hygienestandards bis hin zu völlig falsch umgesetzten Motiven. Ohne verbindliche Qualitätskriterien ist es für Kunden oft schwer einzuschätzen, ob ein Ergebnis tatsächlich fehlerhaft ist oder ob es sich um eine vertretbare künstlerische Entscheidung handelt. Genau hier setzt Mediation an, als außergerichtlicher Weg, um zwischen den oft sehr emotionalen Positionen von Kunden und Artists zu vermitteln, bevor Konflikte vor Gericht landen.

Auch der Verbraucherschutz bleibt auf der Strecke. Für Kunden ist von außen oft kaum erkennbar, ob ein Studio tatsächlich seriös arbeitet, geschweige denn, ob die verwendeten Farben und Geräte den aktuellen Standards entsprechen. Genau diese Intransparenz macht eine Branche, die wirtschaftlich längst etabliert ist, für Verbraucher schwer einschätzbar.

Hinzu kommen neue Problemfelder, die vor wenigen Jahren kaum eine Rolle spielten. Dazu gehört insbesondere die zunehmende Verbreitung hochdosierter Betäubungssalben, deren Anwendung rechtlich und medizinisch keineswegs so eindeutig ist, wie es soziale Medien und Werbeversprechen häufig suggerieren. Auch hier zeigt sich, wie schwierig Verbraucherschutz wird, wenn ein wachsender Markt ohne einheitliche Ausbildungs- und Qualifikationsstandards auskommen muss.

Vom Stigma zum Statussymbol

Bemerkenswert ist auch der gesellschaftliche Wandel, den Tattoos durchlaufen haben. Was früher vor allem mit Subkulturen, Seefahrern oder Gefängnissen assoziiert wurde, ist heute für viele Menschen Ausdruck von Persönlichkeit, Lebensgeschichte und bewusster Selbstdarstellung. Tattoos werden zunehmend als Teil eines persönlichen Brandings verstanden, sichtbar in sozialen Medien, im Berufsleben und im öffentlichen Auftreten. Diese Normalisierung erhöht jedoch auch den Druck auf die Branche, professioneller und transparenter zu werden, denn die Erwartungen der Kunden steigen mit der gesellschaftlichen Akzeptanz.

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Bewegung kommt von der Branche selbst, ist aber umstritten

Bewegung innerhalb der Branche gibt es durchaus, doch gerade die jüngste Diskussion um den geplanten Befähigungsnachweis des Bundesverband Tattoo e.V. zeigt, wie schwierig ein gemeinsamer Weg derzeit ist. Der BVT hatte einen freiwilligen Nachweis angekündigt, der Tätowierern künftig als Qualifikations- und Vertrauenssignal dienen sollte. Ziel war es, mehr Orientierung für Kunden zu schaffen und fachliche Mindestanforderungen sichtbarer zu machen.

Der Vorstoß löste jedoch erheblichen Widerstand aus. Kritisiert wurde nicht nur der konkrete Aufbau des Nachweises, sondern vor allem die Frage, ob ein einzelner Verband überhaupt legitimiert ist, branchenweite Standards zu setzen. Andere Stimmen aus der Branche, darunter Vertreter von Tätowierkunst e.V., DOT e.V. und die Gegeninitiative „Tätowieren braucht keine Zertifikate“, stellten infrage, ob ein privates Zertifikat Qualität und Sicherheit tatsächlich objektiv messbar verbessert oder ob dadurch neue Abgrenzungs- und Machtfragen entstehen.

Bei der Abstimmung im Rahmen der BVT-Jahresversammlung sprach sich schließlich eine deutliche Mehrheit gegen den geplanten Befähigungsnachweis aus. Laut der veröffentlichten Gegeninitiative waren 67 Prozent nicht dafür. Der geplante Nachweis wurde damit vorerst nicht weiterverfolgt.

Unabhängig davon, wie man den konkreten Vorschlag bewertet, macht diese Entwicklung vor allem eines deutlich: Die Branche ist sich nicht grundsätzlich darüber einig, wie Qualität, Qualifikation und Verbraucherschutz künftig geregelt werden sollten. Es fehlt nicht nur an einer staatlichen Ausbildung, sondern auch an einem gemeinsamen Verständnis darüber, welche Mindestanforderungen gelten sollten, wer diese definieren darf und wie sie überprüft werden können.

Genau deshalb geht es aus meiner Sicht nicht darum, möglichst schnell irgendeinen Nachweis einzuführen. Es geht darum, gemeinsam mit Verbänden, Studios, Sachverständigen, Behörden und Verbraucherschutz tragfähige Standards zu entwickeln, die Hygiene, Materialqualität und handwerkliches Grundwissen absichern, ohne die künstlerische Freiheit des Berufs einzuschränken.

Der vorerst gescheiterte Befähigungsnachweis zeigt dabei weniger eine Ablehnung von Qualität als vielmehr die fehlende Einigkeit darüber, wie Qualität in einer kreativen und zugleich körpernahen Dienstleistungsbranche überhaupt definiert werden soll. Ein Markt, der gesellschaftlich längst in der Mitte angekommen ist und stetig wächst, sollte nicht dauerhaft von individuellen Auffassungen und Zufällen abhängig sein. Sowohl Kunden als auch seriös arbeitende Artists würden von transparenten, gemeinsam getragenen Strukturen profitieren.

Fauve Lex

Fauve Lex ist Tätowiererin, staatlich zertifizierte Sachverständige für Tätowierungen und Mediatorin. Nach zehn Jahren in der Hair- & Make-up-Branche wechselte sie 2017 in die Tattoo-Branche und arbeitet heute mit Schwerpunkt auf individuellen Motiven, Qualitätsfragen und Konfliktlösungen rund um Tätowierungen. Neben ihrer praktischen Tätigkeit beschäftigt sie sich mit den Themen Verbraucherschutz, Berufsstandards und der Professionalisierung der Tattoo-Branche.

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Ein Kommentar

  • Emma @ RabattCode Pro sagt:

    Wie kann die Branche einen Konsens über berufliche Mindeststandards erzielen und dabei die künstlerische Vielfalt wahren?

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