Solo vs. Symphonie: Was Dirigieren mit guter Teamführung gemein hat

Vom Orchester lernen: So dirigierst du als Unternehmer
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Unsere Arbeitsweisen unterliegen einem Wandel, der es an Tempo und Dramatik durchaus mit dem Höllen-Cancan aus der Operette Orpheus von Jakob „Jacques“ Offenbach aufnehmen kann. Und noch immer kein Stillstand in Sicht – Arbeit heißt, in Bewegung sein. Doch eine Konstante bleibt: Um gute Ergebnisse abzuliefern, brauchen wir eine gemeinsame Linie für unser Team und die richtigen Werkzeuge für eine erfolgreiche Zusammenarbeit. Denn gelingt es mit deren Hilfe, einen gemeinsamen Grundton anzustimmen, lassen sich davon ausgehend klangvolle Melodien kreieren.

Dafür muss eine Person den Dirigierstab in die Hand nehmen und die Führung der einzelnen Instrumentengruppen übernehmen. Eine feine Kunst besteht auch darin, zu erkennen, wo diese Führungskraft den Ton angeben oder durchaus auch einmal die zweite Geige spielen sollte. Das sorgt dafür, dass im Geschäftsalltag keine Disharmonien entstehen.

Auftakt: Den richtigen Ton anstimmen 

Stellen wir uns ein Unternehmen als Orchester vor: Vor jedem Konzertbeginn legt die Dirigentin oder der Dirigent mit der Stimmgabel den verbindlichen Grundton fest, nach dem alle Musizierenden ihre Instrumente stimmen. Ähnlich wie im Konzertsaal braucht auch die Arbeit eine initiale Organisation. Im Konzertsaal sind die einzelnen Instrumentengruppen in festen Positionen angeordnet: Vorne die Streichinstrumente, hinten die Perkussion und dazwischen tummeln sich Blech- und Holzbläser sowie Zupf- und Tasteninstrumente.

Aus jeder Position sichtbar: Teamlead, Führungskraft, DirigentIn. So findet man im Konzertsaal ein gut auf die Arbeitsorganisation übertragbares Rollenmodell. Und für beide Welten steht fest: Um alle in Gleichklang zu bekommen, sind verbindliche Absprachen zwischen Instrumentengruppen und der dirigierenden Person beziehungsweise zwischen Arbeitsteams und Führungsperson unabdingbar.

Eine schöne Ergänzung zur metaphorischen Übertragung des musikalischen Wirkens im Konzertsaal mit der kreativen Zusammenarbeit im Unternehmen steckt schon im Begriff “Konzert”. Denn der stammt ab vom lateinischen „concertare“, was unter anderem „mit jemandem zusammenwirken“ bedeuten kann. Das daraus abgeleitete italienische „concertare“ oder im Substantiv “concerto” kann übersetzt werden mit “etwas miteinander in Übereinstimmung bringen” oder “vereinigen“. 

Der Ton macht die Musik

Auf der Bühne, im Konzertgraben oder im Unternehmen gilt: Führungskräfte dürfen der Vielfalt ihres Orchesters eine hohe Wertschätzung entgegenbringen! Grundlegend sind dafür einige Lektionen wichtig: Man muss zunächst lernen, einzelne Instrumente wirkungsvoll einzusetzen und zu akzeptieren, dass man selbst auch einmal die zweite und andere die erste Geige spielen.

Die individuellen Stärken und Schwächen eines jeden Individuums zu erkennen, war schon in Zeiten von Frédéric Chopin ein großes Thema. Die Ideen des schon zu Lebzeiten führenden Musikers seiner Zeit zur Klavierpädagogik gelten bis heute als wegweisend. Chopin legte nämlich Wert auf initiatives Engagement, ohne dass das Üben und Klavierspielen für ihn keinen Sinn ergab.

Davon ausgehend hieß es: Stärken stärken und Schwächen erkennen, um sie anschließend gezielt zu verbessern. Bis heute ist diese Methodik in Teambuilding und personeller Weiterentwicklung in Anwendung. Gerade in Zeiten von Remote Work ist das nicht immer leicht, aber mit einer geschulten Wahrnehmung und einem offenen Mindset gut umsetzbar. 

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Meist legt die Führungsperson den Ton fest, der später das Musikstück prägt, daher sollte ein Teamlead mit jeder und jedem einzelnen das Stück so lange einüben, bis auch das scheinbar schwächste Glied des Orchesters den richtigen Ton trifft. Und den KollegInnen, die eine tolle Solo-Einlage darbieten, gebührt tosender Applaus. Innovative Ideen zu loben und zu feiern, spornt zu der ein oder anderen Zugabe über das normale Maß hinaus an – wie im Konzert eben!

Dabei darf auch durchaus einmal einem Nachwuchs-Talent Raum für eine Improvisationseinlage gewährt werden. Es ist eine gute Erfahrung, die unterschiedlichen Pulsschläge und Temperamente im Team besser kennenzulernen und zu sehen, dass es viele Zwischentöne gibt, nicht nur in Dur oder Moll. Nur wenn jede und jeder sein eigenes Talent, Know-how und Wesen in ein Projekt einbringt, kann das Ergebnis überwältigend sein. Der österreichische Dirigent Christian Gansch hat das einmal treffend auf den Punkt gebracht, als er sagte:

“Ein Dirigent, der nicht auf das Orchester hört, wird scheitern.” 

Von Taktstock und Tools 

Der Taktstock bietet Hilfe einem musizierenden Ensemble den Takt anzuzeigen, Einsätze zu geben sowie Betonungen und musikalische Bewegungen zu verdeutlichen. Im Unternehmen kann der Taktstock symbolisch für die passenden technischen Tools stehen. Mit denen kannst du dein Team anleiten und zu einem harmonischen Gleichklang orchestrieren. Dabei muss nicht immer alles aus derselben Stilrichtung kommen. Denk nur an die Neuinterpretationen von Rock- oder Poplegenden durch klassische Symphonieorchester.

Das sind tolle Beispiele, wie Musikstücke und -richtungen unterschiedlichster Art miteinander harmonieren können, wenn sie nur richtig dirigiert werden. Auch Partituren (vom italienischen “partitura”, “Einteilung”) dienen dazu, das Zusammenspiel eines Orchesters zu erleichtern. Dabei stehen alle gleichzeitig gespielten Noten genau übereinander. So haben alle MusikerInnen einen Überblick über das Musikstück und wissen, wer wann spielen soll. Im Management stehen die verschiedenen Partitur-Typen wie Hörpartitur, Klavierpartitur usw. für die Nutzung verschiedener Tools. Diese erleichtern die Zusammenarbeit innerhalb eines Teams. Insbesondere die Tools, welche zwischenmenschliche Interaktion möglichst authentisch abbilden und so Zusammenarbeit zur Harmonie führen.

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Um der Vielfalt zu lauschen, braucht es kein absolutes Gehör

Man sagt, dass eine Führungsperson immer DirigentIn und RegisseurIn zugleich sein sollte. Par excellence lebte der 1860 geborene Komponist Gustav Mahler eine Doppelrolle als Opernregisseur und Dirigent vor. Doch nur ein exzellentes Kenntnis über die eigenen Fähigkeiten zu haben, reicht nicht. DirigentInnen müssen das auch nach außen tragen, um das Team für eine Idee zu begeistern. In der Gesamtheit aus Körpersprache, Körperspannung, Gesichtsausdruck und Ausstrahlung zeichnen DirigentInnen ein Umfeld des Empowerments. Dieses begeistert alle Mitwirkenden für die musikalische Vision immer wieder neu. 

Und dieses Mitgestalten schließt durchaus diverse Geister ein. In einem Ensemble gibt es vom stillen Denker bis hin zum exzentrischen Kunstschaffenden jedes Temperament. Sei es forte oder piano, stark oder sanft oder in den vielen verschiedenen Zwischentönen. Die hohe Kunst des Dirigierens liegt darin, die wunderbare Diversität der Musizierenden zu unterstützen und zu erhalten. Zudem bringen die verschiedenen Charaktere, erfolgreiche Projektergebnisse in den harmonischen Klang. 

Lauscht man genau, ist zu merken, dass die kraftvolle Trommel allein noch lange nicht Beethovens 5. Sinfonie ausmacht. Ebenso wenig auch das zurückhaltende Horn.

Wer dieses Miteinander nicht versteht, kann auch kein Unternehmsensorchester leiten. Die Zuhörer zahlen nämlich nicht für die einzelnen Instrumente, sondern für den Genuss eines homogenen Gesamtwerks. Die Zuhörer wären im Fall des Unternehmens die KundInnen. Und auch diese hören heraus, ob das Unternehmen mit den einzelnen Teams in Harmonie spielt.

Optimal ist die (Außen)Wirkung, wenn eingespielte Teams ein großes gemeinsames Ziel hinter jedem Auftritt klar identifiziert haben. Musik verbindet und überschreitet Differenzen und Grenzen. Sie respektiert Unterschiede und bringt verschiedene Saiten zum Klingen, genauer, in Einklang. Musik als gelebte Unternehmenskultur. Dabei muss der Zugang zur gemeinsamen Kunst barrierefrei sein. Das meint hier: stationär in Büros, hybrid oder remote möglich, lokal und global Menschen zum Mitspielen einladend und jedes einzelne Talent im Unternehmensorchester willkommen heißend. Es entsteht eine Kultur, die von unterschiedlichen Orten zusammenspielende Teams nahtlos an einem Ort in Harmonie zusammenbringt. 

Ein gut aufeinander eingestimmtes Orchester auf hohem Leistungsniveau kann Veränderungen und Neuerungen erkennen und nachvollziehen. Neue Situationen wie unterschiedliche Konzertsäle mit unterschiedlicher Akustik oder ein Neuarrangement im Team erfordern neue Entscheidungen – wie auch Unternehmen nie aufhören innezuhalten, sondern sich dem Puls der Zeit anpassen.

Um stets die Akzeptanz und den Respekt zwischen Mitarbeitenden und Führungsebene zu erhalten, hilft das stärkste Instrument von allen: Die offene Kommunikation und gegenseitiges Feedback! Wie in einem guten Orchester sind Respekt und gegenseitige Wertschätzung der kraftvolle magische Antrieb, der die unterschiedlichen MusikerInnen an einem Strang ziehen lässt.

Der vermeintliche Gegensatz Solo versus Symphonie ist also aufgehoben, wenn jede und jeder meisterliche Soli in klangvolle Symphonien einbringt. Hört man genau hin, können Teamlead und Unternehmensführung jede Menge von Meisterdirigierenden lernen und ein Opus magnus schaffen. Einfühlsame Führung ist und bleibt ein Managementtrend, der sich hören lassen kann!

Andrea Trapp
Andrea Trapp ist Vice President of Business International bei Dropbox und leitet ihre internationalen Teams aus München heraus. Die diplomierte Wirtschaftswissenschaftlerin und Expertin für Change-Management war 22 Jahre lang - zeitweise im Ausland - in europaweiten Führungs- oder Vorstandspositionen internationaler Tech- und PropTech-Unternehmen tätig. Ihre inhaltlichen Schwerpunkte lagen dabei stets auf den Themen Digital Leadership und der Optimierung von Transformationsprozessen. Dabei versteht sie sich als Coach und Mentorin ihrer Teams. Bei Dropbox steht sie als Leitfigur in der aktuellen Transformation zum „Virtual First”-Unternehmen. Mehr zu Dropbox unter www.dropbox.com.

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