Das Dilemma ist in vielen Unternehmen ähnlich: Führungskräfte, Senior Manager und Projektleiter sehen durchaus, dass ein beträchtlicher Teil ihres Teams überlastet, erschöpft und innerlich distanziert ist. Oberflächlich befürworten die meisten Chefs eine ausgewogene Work-Life-Balance und wissen, dass erholte Menschen bessere Ergebnisse liefern. Doch tief im Inneren brennt oft eine andere Überzeugung: Der Glaube, dass der eigene Erfolg einzig und allein auf extrem harter Arbeit und unzähligen Überstunden basiert.

Die Ursache für diese widersprüchliche Haltung liegt in einer tief verankerten Mentalität. Führungskräfte übernehmen meist unbewusst die Muster und Annahmen der Unternehmenskulturen, in denen sie selbst Karriere gemacht haben. Was für den eigenen Aufstieg funktioniert hat, wird automatisch als allgemeingültiger Maßstab für das gesamte Team herangezogen.

Das Problem mit Alibi-Wellness-Programmen

Um Überlastung und Stress entgegenzuwirken, investieren Unternehmen weltweit Milliardensummen in betriebliche Gesundheitsprogramme. Das Spektrum reicht von Ruheräumen über Yoga-Kurse bis hin zu Achtsamkeitsseminaren.

Studien – unter anderem vom National Institute of Mental Health – zeigen jedoch, dass diese Angebote die tatsächliche Gesundheit und das Wohlbefinden am Arbeitsplatz oft gar nicht verbessern. Der Grund dafür ist simpel: Die Angebote verpuffen, wenn die Führungsebene sie nicht aktiv unterstützt und selbst vorlebt. Wenn Mitarbeiter befürchten müssen, durch die Nutzung solcher Angebote als weniger leistungsbereit zu gelten, bleiben die Räume und Kurse leer.

Erschöpfung wird von oben nach unten weitergegeben

Das Verhalten von Führungskräften prägt das Handeln der Mitarbeiter entscheidend. In der Praxis zeigt sich das an täglichen Gewohnheiten:

  • Werden E-Mails routinemäßig spät abends oder am Wochenende versendet?
  • Wird wie selbstverständlich erwartet, dass das Team auch im Urlaub erreichbar ist oder an Telefonkonferenzen teilnimmt?
  • Gibt es im Unternehmen überhaupt sichtbare Vorbilder für ein gesundes, ausgeglichenes Leben?

Eine Untersuchung unter 20.000 Angestellten verdeutlicht den Hebel einer gesunden Führung: Nur ein Viertel der Befragten gab an, dass ihre Vorgesetzten nachhaltige Arbeitspraktiken vorleben. Doch genau diese Mitarbeiter waren:

  • zu 55 % engagierter bei der Arbeit
  • zu 77 % zufriedener mit ihrem Job
  • treuer gegenüber dem Arbeitgeber und zeigten ein doppelt so hohes Vertrauen in ihre Führungskraft.

Präsenzzeit vs. tatsächliche Produktivität

Ein zentraler Fehler im modernen Management ist die Messung von Leistung anhand von Arbeitsstunden statt des tatsächlich geschaffenen Mehrwerts.

Dabei arbeitet das menschliche Gehirn in Phasen: Höchste Konzentration lässt sich meist nur für etwa 90 Minuten am Stück aufrechterhalten, danach ist eine kurze Pause notwendig. Werden diese Regenerationsphasen eingehalten, schaffen Mitarbeiter in kürzerer Zeit oft Ergebnisse mit einer deutlich höheren Qualität.

Wird jedoch eine reine Kultur der Dauer-Anwesenheit und ständigen Erschöpfung vorgelebt, reagiert das Team mit einer reinen Absicherungs-Mentalität. Die permanente Beschäftigung wird wichtiger als die eigentliche Produktivität. Das schnelle Beantworten von Nachrichten und das mechanische Abarbeiten von To-do-Listen werden fälschlicherweise als Erfolg gewertet, während komplexe und strategisch wichtige Aufgaben auf der Strecke bleiben.

Fazit: Wohlbefinden braucht einen Kulturwandel

Betriebliches Gesundheitsmanagement bleibt ein reines Schlagwort, solange sich die Denkweise der Führungskräfte nicht ändert. Ein echter Wandel gelingt erst, wenn Chefs ihre eigenen Leistungsmuster hinterfragen und neue, flexiblere Arbeitsweisen für sich und ihr Team erproben.

Zukunftsorientierte Führung bedeutet, die Energie des Teams nachhaltig zu steuern. Es geht darum, eine Unternehmenskultur zu etablieren, in der regelmäßige Erholung nicht als Schwäche, sondern als absolute Voraussetzung für dauerhafte Leistungsfähigkeit und Qualität verstanden wird.

unternehmer.de

unternehmer.de ist das Wissensportal für Fach- und Führungskräfte im Mittelstand, Selbständige, Freiberufler und Existenzgründer.

Der Artikel hat dir gefallen? Gib uns einen Kaffee aus!

Kommentar hinterlassen