In unruhigen Zeiten prüfen viele Kunden neue Anbieter. Einige, weil sie unter Preisdruck stehen. Andere wollen ihre Marktposition sichern und vergleichen aktiver. Unterschätzt wird dabei von vielen Vertriebsorganisationen, dass die eigenen besten Kunden auf der Zielliste des Wettbewerbs stehen.

Bequeme Beziehungen werden riskant

Langjährige Kundenbeziehungen sind wertvoll, können aber auch träge und unaufmerksam machen: Gespräche werden kürzer, Fragen oberflächlicher, Termine seltener. Irgendwann dreht sich die Zusammenarbeit fast nur noch um Bestellungen, Liefertermine und Nettigkeiten.

Genau dann entsteht Gefahr. Während der bestehende Anbieter sich auf die Beziehung verlässt, investiert der Wettbewerber Zeit. Er stellt Fragen, hört zu und bringt Ideen ein. Im Ergebnis wirkt der bisherige Anbieter weniger engagiert, weil der Wettbewerber aktiver auftritt.

„Es gibt keine sicheren Kunden. Das Einzige, was sicher ist, sind der Tod und die Steuer.“

Oliver Schumacher

Warum gute Kunden wechseln

Viele Verkäufer glauben, Kunden wechseln vor allem wegen des Preises. In der Praxis dient der Preis oft nur als diplomatische Begründung nach außen. Häufig liegen andere Ursachen dahinter: beispielsweise fehlende Impulse, nachlassende Betreuung, zu wenig Weiterentwicklung oder aber auch eine bessere Kommunikation mit dem Wettbewerber.

Warnsignale früher erkennen

Kunden kündigen selten aus heiterem Himmel. Meist zeigen sie vorher Signale: kleinere Bestellmengen, unregelmäßigere Bestellungen, spätere Rückmeldungen, mehr Detailfragen, distanziertere Gespräche oder häufigere Hinweise auf Wettbewerber. Oft werden diese Signale vom Anbieter nicht wahrgenommen geschweige denn angesprochen.

Der häufigste Fehler im Vertrieb

So manche Unternehmen investieren viel Zeit, um neue Kunden zu gewinnen. Doch wer dadurch seine besten Bestandskunden vernachlässigt, baut Risiko auf. A-Kunden sorgen für Umsatz, Deckungsbeitrag, Planungssicherheit und Referenzwirkung. Darum sichern erfolgreiche Vertriebsorganisationen zuerst ihre besten Kunden und gehen dann erst neue Kunden an.

Drei Maßnahmen zur Sicherung der besten Kunden

1. Entwicklungsgespräche mit A-Kunden

    Viele Verkäufer sprechen mit ihren Kunden nur über laufende Vorgänge. Das reicht nicht aus. Hilfreiche sinngemäße Fragen sind: Welche Themen gewinnen in den nächsten zwölf Monaten an Bedeutung? Wo entsteht Kostendruck? Welche Investitionen sind geplant? Welche Veränderungen zeichnen sich ab? Wobei sollen wir Sie künftig stärker unterstützen?

    Solche Gespräche verändern die Beziehung, da sich hier der Anbieter nicht nur als Lieferant verkauft, sondern als Gesprächspartner, der mitdenkt und seinem Kunden bei der Meisterung seiner Zukunft behilflich sein möchte.

    2. Mehr Ideen statt nur Angebote

    Zahlreiche Verkäufer melden sich, wenn sie etwas verkaufen wollen. Gute Verkäufer melden sich, wenn der Kunde einen Nutzen davon hat. Das kann ein Hinweis auf eine Marktveränderung sein, eine Idee zur Kostensenkung, ein Impuls für neue Geschäftsfelder, eine Branchenbeobachtung oder eine Empfehlung aus einem Kundenprojekt.

    So erlebt der Kunde den Verkäufer nicht als reinen Angebotslieferanten, sondern als jemanden, der das Geschäft des Kunden versteht.

    3. Beziehungen breiter aufstellen

    In vielen Unternehmen hängt die Zusammenarbeit an einer einzigen Person. Wechselt sie die Position oder verlässt das Unternehmen, gerät die Beziehung ins Wanken. Denn oft werden dann Entscheidungen neu bewertet und Prioritäten geändert.

    Deshalb sollten Verkäufer Kontakte auf mehreren Ebenen entwickeln: Einkauf, Geschäftsführung, Technik, Anwender und Projektverantwortliche. So verstehen sie den Kunden besser, erfahren früher von Investitionen und sind nicht nur von einem einzigen Kontakt abhängig. Positiver Nebeneffekt: Je breiter die Beziehung steht, desto schwerer hat es der Wettbewerb.

    Die besten Kunden erwarten mehr

    Wichtige Kunden erwarten heute mehr als zuverlässige Lieferungen. Sie wollen merken, dass sich die Zusammenarbeit weiterentwickelt und erwarten Ideen, Aufmerksamkeit und Beiträge zur Verbesserung ihres Geschäfts.

    Wer jahrelang nur liefert und auf eingespielte Abläufe vertraut, wird austauschbar. Wer hingegen wertvolle Impulse einbringt, bleibt relevant.

    Deshalb sollten Verkäufer sich regelmäßig drei unbequeme Fragen stellen:

    • Welchen konkreten Mehrwert biete ich diesem Kunden?
    • Warum sollte dieser Kunde weiterhin mit uns arbeiten?
    • Wodurch unterscheiden wir uns aus Kundensicht wirklich vom Wettbewerb?

    Diese Fragen verhindern Betriebsblindheit und helfen, Veränderungen beim Kunden früher zu erkennen und die Zusammenarbeit aktiv zu gestalten. Denn die beste Kundenbindung besteht nicht aufgrund von Gewohnheit, sondern aufgrund von Relevanz.

    Oliver Schumacher

    Der Verkaufstrainer Oliver Schumacher ist Sprechwissenschaftler (M.A.) und Diplom-Betriebswirt (FH). Er zeigt Verkäufern unter dem Motto „Ehrlichkeit verkauft“, wie diese souverän neue Kunden durch Kaltakquise gewinnen und sich selbst bei schwierigen Preisverhandlungen behaupten. Vielen ist der mehrfache Buchautor durch seine zahlreichen Videos auf YouTube bekannt. Vor dem Start seiner Selbstständigkeit 2009 arbeitete über 10 Jahre sehr erfolgreich im Verkaufsaußendienst für einen börsennotierten Hersteller von Markenartikeln.

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