Unternehmen investieren in Maschinen, Software, Automatisierung und Datensicherheit. Gleichzeitig bleibt ein Faktor häufig unbeachtet: der Zustand der Menschen, die all das täglich steuern. Warum das für dich zum Risiko werden kann und weshalb du Gesundheit künftig stärker in den Fokus deiner Unternehmensführung rücken solltest, erklärt Wissenschaftler und Unternehmer Dr. Josef Scheiber.

Herr Dr. Scheiber, Sie sprechen von einem blinden Fleck in vielen Unternehmen. Was meinen Sie damit?

Unternehmen wissen heute sehr genau, wie ihre Prozesse funktionieren. Sie kennen Auslastungen, Durchlaufzeiten und Produktivitätswerte. Was häufig fehlt, ist ein realistischer Blick auf die Leistungsfähigkeit der Menschen hinter diesen Zahlen. Dabei entstehen viele wirtschaftliche Verluste nicht durch Krankheit, sondern durch schleichende Leistungseinbußen. Mitarbeitende sind anwesend, aber nicht mehr so konzentriert, belastbar oder entscheidungsstark wie früher. Das bleibt oft lange unbemerkt.

Viele Unternehmen investieren bereits in Gesundheitsprogramme. Warum reicht das aus Ihrer Sicht nicht aus?

Weil häufig die Ursachen nicht betrachtet werden. Gesundheitstage, Fitnessangebote oder Obstkörbe können sinnvolle Bausteine sein. Sie lösen aber selten strukturelle Probleme. Gesundheit wird wie ein Zusatzangebot behandelt. Tatsächlich beeinflusst sie jedoch ganz entscheidend unsere Produktivität, Innovationsfähigkeit und damit den Unternehmenserfolg. Wer nur Symptome behandelt, wird langfristig wenig verändern.

Sie verwenden den Begriff „Human Maintenance“. Was verstehen Sie darunter?

Der Begriff beschreibt einen Perspektivwechsel. Unternehmen warten Maschinen regelmäßig, aktualisieren Software und überwachen kritische Systeme permanent. Beim Menschen reagieren sie häufig erst dann, wenn Probleme bereits sichtbar geworden sind. Human Maintenance bedeutet, Leistungsfähigkeit langfristig zu erhalten, statt Ausfälle zu verwalten. Prävention rückt damit stärker in den Mittelpunkt als Reparatur.

Welche Rolle spielt Führung dabei?

Eine größere, als viele denken. Führung beeinflusst nicht nur Motivation oder Unternehmenskultur. Sie prägt auch Belastung, Erholung und Leistungsfähigkeit. Wer permanent Druck erzeugt, unrealistische Erwartungen formuliert oder Erreichbarkeit rund um die Uhr voraussetzt, verändert die Arbeitsbedingungen eines Teams nachhaltig. Gute Führung schafft dagegen Rahmenbedingungen, in denen Menschen dauerhaft leistungsfähig bleiben können.

Warum gewinnt das Thema gerade jetzt an Bedeutung?

Weil mehrere Entwicklungen zusammenkommen. Die Belegschaften werden älter, während die Anforderungen steigen. Viele Beschäftigte müssen heute deutlich mehr Entscheidungen treffen als noch vor zehn oder fünfzehn Jahren. Gleichzeitig wächst die Informationsflut nahezu ununterbrochen. Damit wird die Fähigkeit zur Regeneration zu einem wirtschaftlichen Faktor.

Ist Gesundheit damit ein Wettbewerbsvorteil?

Davon bin ich überzeugt. Natürlich profitieren Unternehmen von weniger Ausfällen und einer geringeren Fluktuation. Der eigentliche Vorteil liegt jedoch woanders: in der Qualität von Entscheidungen. Strategien, Innovationen oder Investitionen entstehen nicht durch Prozesse, sondern durch Menschen. Wer dauerhaft leistungsfähige Teams hat, erhöht die Wahrscheinlichkeit guter Entscheidungen erheblich.

Viele Unternehmer kämpfen derzeit mit Fachkräftemangel. Welche Rolle spielt Gesundheit in diesem Zusammenhang?

Eine größere, als häufig angenommen wird. Viele Unternehmen unterschätzen, welches Potenzial im eigenen Team steckt. Wer die Leistungsfähigkeit, Motivation und Belastbarkeit seiner Mitarbeitenden langfristig erhält, reduziert Ausfälle und bindet wertvolles Know-how. Die Alternative, immer wieder neue Fachkräfte zu gewinnen, verursacht häufig deutlich höhere Kosten als präventive Maßnahmen. Human Maintenance bedeutet deshalb auch, vorhandene Potenziale besser zu schützen und zu entwickeln.

Was sollten Unternehmer jetzt konkret tun?

Zunächst ihre Perspektive verändern. Gesundheit darf nicht ausschließlich als Aufgabe der Personalabteilung verstanden werden. Sie betrifft die gesamte Organisation. Unternehmer sollten sich fragen: Schaffen wir Bedingungen, unter denen Menschen dauerhaft gute Leistung erbringen können? Oder produzieren wir ungewollt Belastungen, die langfristig Energie und Produktivität kosten?

Sehen Sie hier künftig auch eine stärkere Verantwortung auf Ebene der Geschäftsführung?

Davon gehe ich aus. Themen wie IT-Sicherheit, Compliance oder Nachhaltigkeit haben ihren festen Platz auf der Managementagenda. Gesundheit wird einen ähnlichen Weg gehen. Nicht, weil Unternehmen dazu verpflichtet werden, sondern weil die wirtschaftlichen Auswirkungen immer sichtbarer werden. Wer dauerhaft leistungsfähige Teams haben möchte, muss sich mit den Rahmenbedingungen beschäftigen, unter denen Leistung entsteht.

Ihr Blick in die Zukunft?

In den vergangenen Jahrzehnten haben Unternehmen vor allem Maschinen, Prozesse und Daten optimiert. Der nächste Entwicklungsschritt wird darin bestehen, die Leistungsfähigkeit des Menschen stärker in den Mittelpunkt zu rücken. Nicht mit Kontrolle oder Überwachung, sondern mit einem besseren Verständnis dafür, wie Gesundheit, Belastbarkeit und Unternehmenserfolg zusammenhängen. Wer sich frühzeitig damit beschäftigt, verschafft sich einen Vorsprung. Wer das Thema ignoriert, wird sich früher oder später damit auseinandersetzen müssen – nur unter deutlich größerem Druck.

Dr. Josef Scheiber

Dr. Josef Scheiber ist Wissenschaftler, Unternehmer und leidenschaftlicher Netzwerker. Nach Stationen bei Roche und Novartis in den USA und der Schweiz brachte er sein internationales Know-how zurück in die Oberpfalz. Mit über 50 wissenschaftlichen Publikationen und zahlreichen Auszeichnungen zählt er zu den prägenden Stimmen für digitale Gesundheitsinnovationen.

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