Interview: „Erfolg hat, wer auch scheitern kann“

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Interview: „Erfolg hat, wer auch scheitern kann“
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Interview: „Erfolg hat, wer auch scheitern kann“
© Gerda Bornschier

Scheitern ist ein Momentum, das den Umbruch einleitet – eine einmalige Chance, die erkannt und genutzt sein will. Wer sich trotz und mit aller Angst ein Scheitern erlaubt, gewinnt und kann stolz auf sich sein. Im Interview geht Gerda Bornschier – Coach, Konfliktberaterin und Persönlichkeitsentwicklerin aus München – genauer darauf ein, wieso Scheitern eine wertvolle Erfahrung ist.

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Scheitern wird in Deutschland oft stigmatisiert. Woran liegt das?

Gerda Bornschier: In der deutschen Kultur gilt Scheitern als Makel und Tabu. Im Vergleich zu den USA wird ein Scheitern negativer beurteilt und die Angst des Einzelnen vor den sozialen Folgen ist groß. Scheitern kommt einem persönlichen Versagen gleich und kann nicht als Wandel und Chance gesehen werden. Diese Haltung – auch geprägt von einem übersteigerten Sicherheitsbedürfnis – wurde von Generation zu Generation weitergegeben.

EXTRA: Scheitern als Chance für Entwicklung und Wachstum

Die Folge ist, dass sich Menschen hierzulande viel vorsichtiger verhalten und weniger risikofreudig sind. Wer aber aus der Befürchtung heraus zu scheitern, sich nicht entscheidet oder möglichst immer die „richtige“ Entscheidung treffen möchte, trifft eben auch eine Entscheidung – nämlich die zu stagnieren und in der unbefriedigenden Situation zu verharren.

Warum tun Menschen alles dafür, um nicht zu scheitern?

Bornschier: Scheitern ist die tabuisierte Schattenseite des Erfolgs und wird als Kränkung und Entwertung des Selbst wahrgenommen. Wenn dieses Erfolgsbauwerk zusammenfällt, gerät auch ihr Selbstbild ins Wanken. Dies ist für einen Menschen besonders problematisch, wenn er sein Selbstwertgefühl einzig und allein von seinem privaten oder beruflichen Ansehen abhängig macht.

Wie unterscheiden sich Fehler vom Scheitern?

Bornschier: Im Gegensatz zu einem Fehler, wird Scheitern wie eine existenzielle Bedrohung – als etwas „Endgültiges“ wahrgenommen und kommt schon in der Fantasie gefühlt einem Untergangsszenario gleich. Die Angst zu versagen verhindert, überhaupt im Leben Entscheidungen zu treffen und wenn, dann sich nicht zu erlauben, den eingeschlagenen Weg zu korrigieren und sich einzugestehen, dass ein Projekt vielleicht schon längst zum Scheitern verurteilt ist. Deshalb wird es mit aller Macht vertuscht und im blinden Aktionismus alles dafür getan, sein Scheitern schnell zu überwinden.

Warum ist Scheitern eine wertvolle Lernerfahrung?

Bornschier: Um eine Scheiter-Kompetenz aufzubauen, muss man – so banal es klingt – schon mal gescheitert sein. Um dadurch zu erfahren, dass Versagen ein Erfahrungsschatz ist und Rückschläge selbstbewusster machen. Solche Einschnitte bieten einmalige Gelegenheiten, aus der Erkenntnis heraus zu wachsen, wieder Mut zu fassen und neue Pläne zu schmieden.

Kann man eigentlich richtig oder falsch scheitern?

Bornschier: Wer die Haltung hat, dass Scheitern auch sein kann, akzeptiert die Situation eher und findet die Kraft, den eingeschlagenen Weg abzubrechen. Das ist natürlich leichter gesagt als getan, da in die meisten Projekte schon viel Zeit, Geld und Herzblut investiert wurde. Allerdings ermöglicht eine frühzeitige Einsicht eine Kurskorrektur. Im Gegensatz dazu ist die schlechte Art zu scheitern, indem die Situation geleugnet und dadurch ein Neustart verhindert wird.

Das Interview führte Annette Neumann, freie Journalistin, Berlin.

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