Positive Psychologie: Ilona Bürgel im Experten-Interview

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Positive Psychologie: Ilona Bürgel im Experten-Interview

Wo Stress und Überforderung scheinbar allgegenwärtig um sich greifen, halten die Methoden der positiven Psychologie gerade rechtzeitig Einzug in das Bewusstsein der Menschen. Wir haben Dr. Ilona Bürgel, Expertin für Leistung und Wohlbefinden, für ein exklusives Kurzinterview gewinnen können.

Frau Bürgel, Sie haben einen besonderen Begriff geprägt: die „Schokologie“. Was darf man sich darunter vorstellen?

Dr. Ilona Bürgel: Das Konzept vereint zwei Leidenschaften von mir: Ich bin überzeugte Anhängerin der Positiven Psychologie, der Wissenschaft des Glücks, und ich bin bekennende Genießerin guter Schokolade. Beide Trends sind relativ jung, denn bislang befassten sich die Psychologen eher mit Problemen, und Schokolade haben wir oft wahllos und ohne Qualitätsanspruch genascht. Heute geht der Trend hin zu einem selbstbestimmten Leben, das zu uns passt und in dem es uns gut gehen soll.

Mir fiel auf, wie oft wir uns das Leben im Alltag schwer machen, obwohl wir doch gern und gut leben wollen. Selbstüberforderung oder negatives Denken sind für uns normal. Bei der Schokolade wissen wir, wie es geht. Müssen wir uns beim Naschen motivieren, anstrengen, sind danach völlig erschöpft? Wahrscheinlich nicht. Das ist der Beweis dafür, dass wir unser Wohlbefinden selbst in die Hand nehmen können, wenn wir genau wissen, was wir wollen.

Glück ist ja bekanntlich etwas sehr Individuelles. Wie finde ich heraus, was meinem persönlichen Glück im Wege steht?

Dr. Ilona Bürgel: Glück hat ganz grundlegend zwei Komponenten: eine emotionale, sprich das Wohlbefinden im Augenblick, und eine eher mentale, nämlich die grundsätzliche Zufriedenheit mit dem Leben. Situativ kann uns schnell mal etwas das Glück rauben, zum Beispiel ein verspäteter Zug, eine verpasste Beförderung oder der kneifende Hosenbund. Deshalb ist es wichtig, die einzelne Situation immer wieder einzuordnen und die Perspektive zu wechseln, indem man sich fragt:

  • Wie wichtig ist das wirklich?
  • Welche positiven Seiten gibt es?
  • Was übersehe ich, weil ich mich daran gewöhnt habe (zum Beispiel einen schicken Schreibtisch, eine gemütliche Wohnung oder nette Kollegen)?

Hält das Unwohlsein länger an, kann man erkunden, was der eigene Beitrag daran ist. Denn das Steuerrecht oder das Wetter können wir nicht beeinflussen – wie wir uns fühlen hingegen schon. Vielleicht haben wir schlechte Gewohnheiten, zum Beispiel zu grübeln oder immer neue Bedingungen zu stellen, bevor wir zufrieden sind.

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Sehr beliebt in unserer neuen Arbeitswelt ist die Einstellung, prinzipiell gegen Veränderungen statt dafür zu sein. Oder negativ zu spekulieren, wenn Informationen fehlen. Besser als die Sorge, ob wir uns in der digitalen Welt behaupten können, wäre die Erinnerung an die vielen Dinge, die wir in unserem Leben schon hinbekommen haben. Das stärkt den optimistischen Blick in die Zukunft, der wiederum glücklich macht.

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Welche psychologischen Kompetenzen fordern Sie von modernen Führungskräften im Hinblick auf das Wohlbefinden der Mitarbeiter?

Dr. Ilona Bürgel: Ich bin eine Befürworterin des positiven Führens. Das heißt, sich nicht nur an großen, sondern auch an kleinen Erfolgen zu freuen, mehr positives Feedback zu geben, Chancen zu sehen oder Stärkengespräche zu führen. Konkret könnte ein Meeting immer mit einer Runde guter Gedanken, Ideen und Erfahrungen beginnen. Dann ist das Gehirn in Bestform für den Umgang mit Problemen.

Übrigens: Beschränke die Zeit für Beschwerden und Klagen. Viel wichtiger ist es, Lösungen zu finden. Schreibe in jede E-Mail einen authentischen Dank: dass sich jemand Zeit genommen oder überhaut geschrieben hat, dass sich jemand Gedanken gemacht oder etwas gut erledigt hat. Die Vorbildwirkung wird oft unterschätzt. Macht die Führungskraft keine Pause, schaut unfreundlich oder achtet nicht auf die eigene Gesundheit, dann steckt sie andere damit an.

Ein Stück gute dunkle Schokolade – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn – zaubert immer ein Lächeln ins Gesicht. Davon können wir nie genug geben und nehmen. Denn Lächeln führt zur Ausschüttung von Oxytozin, das ein entspannender Gegenspieler zum Stress ist. Mein wichtigstes Credo wäre: Nur so gut, wie wir mit uns selbst umgehen, werden wir mit anderen und jeder Situation umgehen können. Um uns daran zu erinnern, sollten wir uns bei jedem Stückchen Schokolade fragen, ob wir heute auch sonst schon genug für uns getan haben.

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