Werden sich Neobanken auf dem KMU-Markt durchsetzen?

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Werden sich Neobanken auf dem KMU-Markt durchsetzen?
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In der EU gibt es 24 Millionen kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) – das ist etwa ein KMU pro zwanzig EU-Bürger. Nach Angaben der Europäischen Kommission beschäftigen die KMU fast zwei Drittel der Arbeitskräfte in der EU. Allein in Deutschland gibt es 2,6 Millionen KMU. Sie machen 56 Prozent der Beschäftigung und 42 Prozent der Bruttowertschöpfung aus.

Zahlen wie diese verdeutlichen die enorme Wirtschaftskraft von KMU und ihre Bedeutung für die Volkswirtschaften der EU. Trotzdem wurden diese Unternehmen bisher von traditionellen Banken wenig beachtet und nicht ausreichend mit Finanzdienstleistungen versorgt. Es ist für Banken oft weniger aufwendig und lukrativer, große Unternehmen als KundInnen zu gewinnen.

Im Gegensatz zu traditionellen Banken sind Neobanken (spezielle Fintechs, die auch als sog. Challenger-Banken bekannt sind) gerne bereit, KMU als KundInnen zu gewinnen. Wir erleben derzeit ein sehr dynamisches Wachstum bei Finanzprodukten und -dienstleistungen, die sich speziell an UnternehmerInnen, FreiberuflerInnen und kleine Unternehmen richten. Angesichts der Tatsache, dass ein durchschnittliches KMU erstaunliche 74 Prozent seiner Zeit für administrative Tätigkeiten wie Zahlungsverkehr, Buchhaltung, Belegmanagement und die Suche nach Krediten aufwendet, ist das Potenzial für mehr Effizienz noch lange nicht ausgeschöpft.

Werfen wir also einen genaueren Blick auf die Finanzbranche.

Traditionelle Banken vs. Neobanken – was ist der Unterschied?

Im Gegensatz zu traditionellen Banken sind Neobanken nicht durch veraltete IT-Systeme, Managementmethoden und Geschäftsmodelle vorbelastet. Dadurch sind sie in der Lage, KMU in mehreren Schlüsselbereichen einen besseren Service zu bieten. Dazu gehören:

Gebühren

Herkömmliche Banken haben oft ein komplexes Gebührenmodell – darunter monatliche Kosten, Online-Banking-Gebühren, anteilige Gebühren von Umsätzen bei bestimmten Vorgängen und andere versteckte Kosten. Insgesamt belaufen sich die Kosten in manchen Fällen auf bis zu 30 Euro pro Monat. Dies alles macht es für KMU schwierig, ihre Bankkosten zu kalkulieren.

Neobanken hingegen bieten klar gestaffelte Preismodelle mit einer festen monatlichen Gebühr. Und einige Neobanken haben sogar völlig kostenlose Tarife im Angebot! Ebenfalls zu erwähnen: Viele Neobanken erheben keine Negativzinsen auf Guthaben.

Kontoeröffnung

Die Eröffnung eines Geschäftskontos bei einer herkömmlichen Bank ist oft langsam und das Vorgehen nicht immer klar strukturiert. Oft sind nicht automatisierte Schritte involviert, die unnötiges manuelles Input erfordern. 56 Prozent der Unternehmen empfinden die Eröffnung eines Geschäftskontos als mühsam. Es ist wahrscheinlich, dass viele KMU hier schon negative Erfahrungen gemacht haben.

Im Gegensatz dazu bieten Neobanken in der Regel eine vollständig digitale Kontoeröffnung an, die in wenigen Minuten und nicht in Tagen abgeschlossen werden kann.

Kundenbetreuung

Ähnliches gilt für Anfragen an den Kundenservice. Während KMU bei traditionellen Banken oft anrufen oder vielleicht sogar in manchen Fällen noch eine Filiale aufsuchen müssen, bieten Neobanken in der Regel einen Support per Online-Chat an. Das bedeutet, dass MitarbeiterInnen von KMU nicht jedes Mal lange Zeit in Warteschleifen am Telefon verbringen müssen, wenn sie eine Frage haben. Am wichtigsten ist dabei, dass die Online-Support-Funktionen von Neobanken von hoher Qualität sind. Dadurch wird sichergestellt, dass die Abwesenheit einer traditionellen Bankfiliale nicht ins Gewicht fällt und die Vorteile eines hauptsächlich digitalen Kundenerlebnisses voll zum Tragen kommen.

Zusätzliche Funktionen

Um sich noch weiter von traditionellen Banken zu unterscheiden, entwickeln viele Neobanken Software-Tools, die den intensiven Arbeitsalltag von MitarbeiterInnen in KMU erleichtern. Dazu gehören benutzerfreundliche web- und appbasierte Banking-Dashboards sowie automatisierte Funktionen für die Rechnungsstellung, den Rechnungsabgleich und viele mehr. Darüber hinaus bieten viele Neobanken Integrationen mit wichtigen Buchhaltungs-Plattformen an wie z. B. Lexoffice, DATEV Online, sevDesk, FastBill und Sorted.

Was fehlt noch?

Trotz all dieser Vorteile und der wachsenden Präsenz von europäischen Neobanken – wie Finom, Penta und Shine – ist es noch ein langer Weg, bis Neobanken den EU-weiten Bankenmarkt für KMU dominieren werden. Dieser Markt hat einen Wert von mehr als 200 Milliarden Dollar, aber Fintechs bedienen derzeit nur 2 Prozent der potenziellen KMU-KundInnen. Qonto – der größte Akteur in diesem Bereich – hat 200.000 KundInnen. Das entspricht lediglich 0,5 Prozent der KMU in der EU.

Speziell in Deutschland können sich nur 34 Prozent der KMU ein Fintech nennen und 93 Prozent vertrauen immer noch auf eine traditionelle Bank. Dies verdeutlicht das enorme Potenzial für Neobanken auf dem deutschen KMU-Markt.

Neobanken in einigen Ländern außerhalb der EU, wie in Brasilien, dem Vereinigten Königreich und Russland, sind bereits weiter bei der Bereitstellung von Finanzdienstleistungen für KMU. Das britische B2B-Fintech-Unternehmen Tide zum Beispiel hat 350.000 KundInnen. Das sind bereits mehr als 5 Prozent aller britischen KMU. Die brasilianische NuBank bedient 1,1 Millionen KMU, was 15 Prozent des Marktes entspricht, und wird mit 41 Milliarden US-Dollar bewertet. Und schließlich zählt Russlands sehr erfolgreicher Finanz- und Lifestyle-Dienstleister Tinkoff 500.000 KMU zu seinem Kundenstamm, was insgesamt 9 Prozent aller russischen KMU entspricht.

Wie können die Neobanken in der EU also ihren Marktanteil erhöhen?

Erstens werden die Rahmenbedingungen rund um PSD2 und die Open-Banking-Gesetzgebung den Wettbewerb im KMU-Bereich weiter beleben. Dies wird den Neobanken zusätzliche Möglichkeiten bieten, ihr Angebot von den langsamer agierenden, traditionellen Banken abzugrenzen und ihre Marktposition weiter auszubauen.

Zweitens sollte man bedenken, dass KMU – völlig zu Recht – mehr von ihren Banken erwarten als bisher. Wir alle haben uns in unserem Privatleben bereits an die Einfachheit und den Komfort von Online- und Mobile-Banking gewöhnt. Es ist also davon auszugehen, dass sich vor allem kleine Unternehmen das gleiche Kundenerlebnis mit ihrer Bank wünschen. Das bedeutet die perfekte Gelegenheit für Neobanken, um unzufriedene KundInnen von traditionellen Banken zu gewinnen.

Ein Bereich, in dem Neobanken ihr Angebot weiter verbessern können, ist die Kreditvergabe. Für KMU ist der Prozess zur Erlangung eines herkömmlichen Geschäftskredits bisher langwierig und komplex. Neobanken haben bereits die mit der Kreditvergabe verbundenen Abläufe erheblich verkürzt, aber es gibt noch viel Spielraum für den Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) und Datenanalyse. Das ermöglicht neue, innovative Finanzierungslösungen. Betrachtet man speziell den deutschen KMU-Markt, so ist für 67 Prozent der KMU ihr lokaler Bankberater immer noch die wichtigste Anlaufstelle für die Kreditvergabe. Es besteht eindeutig ein großes Potenzial für Neobanken, in dieses Geschäftsfeld noch weiter vorzudringen.

In vielerlei Hinsicht verfügt die EU und insbesondere Deutschland über das perfekte Umfeld, um das Wachstum von B2B-Neobanken zu fördern: Große Volkswirtschaften, schlecht positionierte traditionelle Akteure und nicht zuletzt Unternehmen, die zunehmend bereit sind, technologische Innovationen anzunehmen. Vor diesem Hintergrund ist zu erwarten, dass im Jahr 2022 und darüber hinaus viele neue Fintech-Startups entstehen werden.

Konstantin Stiskin
Konstantin Stiskin ist Supervisory Board Member und Co-Founder bei FINOM. Er verfügt über mehr als 10 Jahre Erfahrung in der Innovations- und Fintech-Branche. Als Risikokapitalgeber investierte er seit 2010 in Technologieunternehmen und unterstützte das Wachstum vieler globaler Unternehmen wie Raisin (Deutschland) und Earnest (USA). Konstantin ist Vorstandsmitglied in mehreren Unternehmen in den Bereichen Fintech, Marketingtechnologie und Genetik.

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