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Jeder vierte Angestellte kommt mindestens einmal im Monat zu spät zur Arbeit. Während die meisten klassisch im Stau stehen, tischen manche Mitarbeiter ihren Vorgesetzten hochkreative Ausreden auf. Doch für Geschäftsführer und HR-Verantwortliche sind solche Märchengeschichten mehr als nur ein Schmunzler am Morgen – sie sind oft ein handfestes Symptom für fehlende psychologische Sicherheit im Unternehmen.

Unpünktlichkeit am Arbeitsplatz ist ein Dauerbrenner in Personalabteilungen. Eine groß angelegte Erhebung des Karriereportals „Careerbuilder“ (unter gut 3.000 HR-Managern und 7.800 Angestellten) untermauert das Problem mit Zahlen: 16 Prozent der Beschäftigten erscheinen sogar wöchentlich verspätet zum Dienst.

Wenn der Zeigefinger der Uhr unerbittlich vorrückt, werden manche Mitarbeiter äußerst erfinderisch. Die Ausreden reichen von skurril bis völlig absurd.

Von spirituellen Autos und lukrativen Irrtümern

Es sind Geschichten, die selbst den gutmütigsten Vorgesetzten ins Grübeln bringen. In der Umfrage gaben Arbeitnehmer unter anderem folgende Gründe für ihr Zuspätkommen an:

  • Ein Fuchs habe die Autoschlüssel vom Grundstück gestohlen.
  • Der Mitarbeiter habe einen extrem spannenden Traum gehabt und musste weiterschlafen, um das Ende zu erfahren.
  • Eine Angestellte dachte morgens irrtümlich, sie habe im Lotto gewonnen, und sah keine Notwendigkeit mehr, pünktlich zu erscheinen – bis die Ernüchterung einsetzte.
  • Das Auto müsse vor der Fahrt erst „emotional und spirituell aufgewärmt“ werden, da es bei Kälte sonst streike.
  • Ein Klassiker für Mutige: Der Mitarbeiter erschien zu spät, weil er noch ein Vorstellungsgespräch bei der Konkurrenz hatte.

Die Realität: Stau, Wecker und der Router

Trotz dieser kreativen Ausreißer wird die Unpünktlichkeits-Statistik von den „üblichen Verdächtigen“ dominiert:

  1. Verkehr (31 Prozent): Der klassische Stau oder die verspätete Bahn.
  2. Verschlafen (18 Prozent): Der defekte oder überhörte Wecker.
  3. Wetter (11 Prozent): Schneechaos oder Unwetter.
  4. Familie (8 Prozent): Verzögerungen bei der Kinderbetreuung.

Mit der Etablierung hybrider Arbeitsmodelle hat sich zudem ein neuer Dauerbrenner in die Top-Liste geschlichen: der Internetausfall. Während technische Probleme im Homeoffice absolut real sind, wissen HR-Experten, dass der „Router-Neustart“ gelegentlich auch als bequemer Deckmantel für überlastete Mitarbeiter dient, die morgens eine kurze Auszeit benötigen.

Das eigentliche Problem: Warum die Wahrheit zu riskant erscheint

Für Unternehmer stellt sich hier eine entscheidende Frage: Warum erfindet ein erwachsener Mensch eine Geschichte über einen Fuchs, anstatt einfach zu sagen, was Sache ist? Die Antwort liegt meist in der Führungskultur.

Arbeitnehmer greifen nicht aus pathologischer Freude am Lügen zu solchen Geschichten, sondern weil ihnen die Wahrheit zu heikel erscheint. In Unternehmen mit starren Präsenzregeln, null Toleranz für menschliche Fehler und mangelnder Empathie lernen Beschäftigte sehr schnell, ihre wahren Bedürfnisse in „sozial akzeptierte“ oder eben absurde Ausreden zu verpacken. Wer aus purer Erschöpfung verschläft, traut sich in einem toxischen Umfeld nicht, dies zuzugeben – aus Angst, Abwesenheit könnte als Charakterschwäche oder mangelndes Engagement gewertet werden.

Fehlt am Arbeitsplatz die psychologische Sicherheit, wird Offenheit zum Karriererisiko. Das Resultat ist ein Nebel aus Halbwahrheiten.

Wann Sie als Arbeitgeber durchgreifen müssen

Bei allem Verständnis für menschliche Schwächen: Toleranz hat ihre Grenzen. Wer gelegentlich wegen Glatteis oder einer echten Autopanne zu spät kommt, muss keine Konsequenzen fürchten. Anders sieht es bei chronischer Unpünktlichkeit aus. Laut der zitierten Studie haben mehr als ein Drittel der befragten Personalverantwortlichen bereits Mitarbeiter wegen dauerhafter Verspätungen entlassen.

Drei Leitlinien für Führungskräfte:

Muster erkennen: Ein einmaliger Traum vom Lottogewinn ist kurios. Kommt ein Mitarbeiter aber regelmäßig unpünktlich, müssen Sie das Gespräch suchen. Klären Sie, ob systematische Überlastung, familiäre Probleme oder schlicht mangelnde Arbeitsmoral dahinterstecken.

Kultur hinterfragen: Wenn in Ihrem Team auffällig oft krude Ausreden kursieren, sollten Sie Ihren Führungsstil reflektieren. Dürfen Ihre Mitarbeiter ehrlich sein, wenn sie erschöpft sind?

Konsequent abmahnen: Unpünktlichkeit ist ein Verstoß gegen die arbeitsvertraglichen Pflichten. Bei wiederholtem, unentschuldigtem Zuspätkommen ist eine formelle Abmahnung das Mittel der Wahl – und bei anhaltender Ignoranz letztlich die verhaltensbedingte Kündigung. Das sind Sie nicht zuletzt den pünktlichen Kollegen schuldig, die die Fehlzeiten sonst kompensieren müssen.

unternehmer.de

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